{"id":2959,"date":"2022-12-12T16:15:17","date_gmt":"2022-12-12T15:15:17","guid":{"rendered":"https:\/\/unofficial.pictures\/?page_id=2959"},"modified":"2022-12-12T16:16:17","modified_gmt":"2022-12-12T15:16:17","slug":"juan","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/geboren-gekommen-geblieben\/juan\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Juan"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-en\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/unofficial.pictures\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2959\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"Deutsch\">Deutsch<\/a>.<\/p><div class=\"wpb-content-wrapper\">[mk_page_section padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;200&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_column_text align=&#8221;right&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670858174191{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]\n<p class=\"a_font-22\"><strong>Juan<\/strong><\/p>\n<p class=\"a_font-22\">geboren 2004, floh mit ihrer Familie 2015 aus Kurdistan und lebt seitdem in Borna<\/p>\n[\/vc_column_text][vc_btn title=&#8221;zur\u00fcck zur \u00dcbersicht&#8221; style=&#8221;classic&#8221; shape=&#8221;square&#8221; color=&#8221;default&#8221; align=&#8221;right&#8221; link=&#8221;url:https%3A%2F%2Funofficial.pictures%2Fgeboren-gekommen-geblieben%2F|title:%5B%3Ade%5DPortraits%20einer%20diversen%20Stadt%3A%20%E2%80%9Egeboren%2C%20gekommen%2C%20geblieben%E2%80%9C%5B%3A%5D&#8221; el_class=&#8221;button-back-to-the-exhibition&#8221;][\/vc_column][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;100&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_single_image image=&#8221;2960&#8243; img_size=&#8221;400&#215;600&#8243; alignment=&#8221;right&#8221;][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][mk_padding_divider size=&#8221;80&#8243;][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670857839269{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]FRIEDER: Seit wann lebst du Borna?<\/p>\n<p>JUAN: Seit dem 29. September 2015.<\/p>\n<p>FRIEDER: Also seit ziemlich genau sieben Jahren.<\/p>\n<p>SANDRA: Was sind deine ersten Erinnerungen an Borna?<\/p>\n<p>JUAN: F\u00fcr mich ist jeder Tag gleich. Ich erlebe nie etwas Neues. Au\u00dfer, wenn ich an einem Projekt teilnehme oder wenn hier mal was los ist.<\/p>\n<p>SANDRA: Erinnerst du dich noch daran, wie ihr damals mit dem Bus in Borna angekommen seid und dann im Heim gelebt habt?<\/p>\n<p>JUAN: Ja, damals war ich elf Jahre alt. Ich habe auf YouTube Videos von damals gefunden, auf denen ich zu sehen bin, wie ich als Neunj\u00e4hrige aus dem Heim rauslaufe. Ich schaue mir diese Videos oft an und denke \u00fcber die Zeit nach. Sie war gepr\u00e4gt von Streit, Stress und Freundschaften \u2013 alles war dabei. Die Zeit im Heim war nicht nur schlecht. Es gab aber auch Zeiten, in denen wir einen eigenen Raum oder ein eigenes Haus gebraucht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was fandest du gut in dieser Zeit?<\/p>\n<p>JUAN: Ich habe jeden Tag Oma gesehen.<\/p>\n<p>SANDRA: Hier will ich nochmal kurz zur Erkl\u00e4rung anmerken, dass meine Oma in der Kleiderkammer mitgearbeitet hat. Immer, wenn wir im Heim Projekte gemacht haben, war sie auch dabei. Die Leute haben sich mit meiner Oma angefreundet und so wurde sie von allen \u201eOma\u201c genannt .<\/p>\n<p>JUAN: Wir haben f\u00fcnf Jahre im Heim gewohnt, das war eine lange Zeit. Zum Schluss war es nicht einfach f\u00fcr uns, wir mussten sehr lange f\u00fcr eine Wohnung k\u00e4mpfen. Ich wei\u00df nicht genau, warum wir so lange keine Wohnung bekommen haben. Das Amt gab als Grund an, dass unsere Familie zu gro\u00df sei und dass es so eine gro\u00dfe Wohnung f\u00fcr uns nicht gebe. Meine Mutter hat den ersten Antrag 2016 gestellt. Der und auch weitere wurden aber immer wieder abgelehnt. Jetzt leben wir seit fast zwei Jahren in unserer eigenen Wohnung.<\/p>\n<p>SANDRA: Wie gro\u00df ist eure Familie?<\/p>\n<p>JUAN: Ich habe acht Geschwister. Wir sind mit meiner Mutter nach Deutschland gekommen, aber mein Vater musste im Irak bleiben. 2002 hat er bei einer Explosion sein halbes Bein verloren. Deswegen konnte er nicht mitkommen. Wir versuchen gerade hier in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung f\u00fcr ihn zu bekommen. Es gibt f\u00fcr ihn ansonsten keine andere M\u00f6glichkeit nach Deutschland zu kommen.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670857860773{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Dein Vater konnte im Irak nicht richtig arbeiten, oder?<\/p>\n<p>JUAN: Ab und zu arbeitet er als Taxifahrer. Dann f\u00e4hrt er mit seinem eigenen Auto Leute herum. Das kann er aber nur machen, solange das mit seinem Bein geht.<\/p>\n<p>SANDRA: Das hei\u00dft du hast deinen Vater \u00fcber sieben Jahre nicht gesehen. Wie haltet ihr Kontakt?<\/p>\n<p>JUAN: Wir haben selten Kontakt. Ich habe kaum Zeit mit ihm zu telefonieren. Ich komme abends vom Kolleg nach Hause, esse etwas, gehe duschen und muss meine Hausaufgaben machen. Dann ist der Tag schon zu Ende. Ich komme nicht dazu, mit ihm zu reden. Als ich nach Deutschland gekommen bin, konnte ich drei Jahre lang nicht mit meinem Vater telefonieren, weil er kein Handy hatte. W\u00e4hrend dieser Zeit habe ich \u00fcberhaupt nichts von ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>SANDRA: Wie ist es f\u00fcr dich, ohne Vater aufzuwachsen?<\/p>\n<p>JUAN: Ich merke, dass uns Geschwistern ein Vater fehlt, der uns Dinge beibringt, die einem nur ein Vater beibringen kann. Besonders meinem gro\u00dfen Bruder und mir. Wenn ich mit M\u00e4nnern rede, habe ich nicht das Gef\u00fchl mit einer Person zu reden. Ich habe das Gef\u00fchl, direkt zu zumachen. Mit Frauen kann ich mich sehr gut unterhalten. W\u00e4re mein Vater wie ein Kumpel immer f\u00fcr mich da, w\u00fcrde es mir leichter fallen Kontakt zu M\u00e4nnern aufzubauen. Solange mein Vater nicht hier ist, fehlt ein St\u00fcck von mir.<\/p>\n<p>SANDRA: Hast du das Gef\u00fchl, dass er dich trotzdem erzieht, wenn du mit ihm Kontakt hast?<\/p>\n<p>JUAN: Nein, eigentlich gar nicht. Das geht nicht. Er sagt nur \u201cHallo\u201d und \u201cHey, wie geht\u2018s?\u201d. Das war alles.<\/p>\n<p>SANDRA: Jetzt ist eure Mutter hier in Deutschland allein mit dir und deinen Geschwistern. Wie ist das f\u00fcr euch? Wie organisiert ihr euch als Familie? Eure Mutter kann ja nicht \u00fcberall gleichzeitig sein.<\/p>\n<p>JUAN: W\u00e4hrend unserer ersten zwei Jahre in Deutschland hat meine Tante meine Mutter \u00fcberall unterst\u00fctzt, wo sie nur konnte. In diesen zwei Jahren bin auch ich \u00e4lter und verantwortungsbewusster und habe meiner Mutter immer mehr geholfen.<\/p>\n<p>SANDRA: Wie sieht dein Alltag in Borna aus?<\/p>\n<p>JUAN: Eigentlich ist es nicht viel. Ich stehe um 5 Uhr auf, mache kurz Ordnung, packe meine Sachen und gucke mir nochmal meine Hausaufgaben an. Meine Mutter und ich machen Essen und dann geht der Tag los. Bis 5:30 Uhr bin ich fertig. Ich rede mit meiner Mutter dar\u00fcber, was an dem Tag noch passieren wird und was noch gemacht werden muss. Um 5:45 Uhr steige ich in den Bus ein und bin um 5:51 Uhr in Borna am Bahnhof. Um 6:02 Uhr f\u00e4hrt der Zug los nach B\u00f6hlen. Im Zug h\u00f6re ich Musik und gucke mir Vokabeln an. Um 6:29 Uhr steige ich in B\u00f6hlen um in einen anderen Zug, der nach Leipzig f\u00e4hrt. Wenn ich da angekommen bin, laufe ich 15 Minuten bis zur Schule. Um 7:30 Uhr beginnt dann der Unterricht.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670857881026{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Wann machst du deine Hausaufgaben?<\/p>\n<p>JUAN: Die mache ich abends, wenn ich nach Hause komme. Aber heute muss ich keine machen, die habe ich gestern Abend schon gemacht. Am Dienstag schreiben wir eine Klassenarbeit in Englisch. Daf\u00fcr muss ich am Wochenende noch etwas vorbereiten.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wann bist du nach der Schule wieder zuhause in Borna?<\/p>\n<p>JUAN: Das ist unterschiedlich. Die sechste Stunde endet um 12:45 Uhr, die achte um 14:45 Uhr und die zehnte um 16:30 Uhr. Am Montag habe ich zehn Stunden, daf\u00fcr aber die ersten beiden frei.<\/p>\n<p>FRIEDER: Auf was f\u00fcr eine Schule gehst du in Leipzig?<\/p>\n<p>JUAN: Auf ein Gymnasium, ich mache Abitur.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was machst du nach der Schule?<\/p>\n<p>JUAN: Manchmal wird es kompliziert, wenn ich die Sachen, die ich geplant habe, nicht schaffe. Heute w\u00e4re ich eigentlich um 15:30 Uhr in Borna angekommen. Ich wollte kurz nach Hause gehen und dann direkt f\u00fcr unser Gespr\u00e4ch hierherkommen. Das hat leider nicht geklappt. Es l\u00e4uft nicht immer alles so, wie ich es will. Oft h\u00e4nge ich nach der Schule auch einfach nur rum und gehe meine Notizzettel durch, auf denen ich notiert habe, was alles noch ansteht. Ich arbeite meine Aufgaben ab.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was sind das f\u00fcr To-do-Listen?<\/p>\n<p>JUAN: Ich schreibe sie f\u00fcr mich. Ich brauche diese Notizen, damit ich nicht vergesse, was ich an dem Tag noch vorhabe. Wenn ich nach Hause kommen und mich direkt hinlegen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich direkt alles vergessen.<\/p>\n<p>SANDRA: Sind das Dinge, die nur dich angehen oder sind das Dinge, die du f\u00fcr die ganze Familie organisieren musst?<\/p>\n<p>JUAN: Das kommt drauf an, f\u00fcr wen etwas gemacht werden muss. Auf meiner aktuellen To-do-Liste steht zum Beispiel, dass ich noch den Baf\u00f6g-Antrag stellen muss. Die durchgestrichenen Sachen habe ich alle schon erledigt. Ich habe mich im Hort nach Pl\u00e4tzen f\u00fcr die Zwillinge erkundigt und in der Volkshochschule gefragt, ob meine Mutter dort Deutschunterricht nehmen kann. Sie will seit vielen Jahren wieder einen Deutschkurs machen, aber es gibt dort derzeit leider keine Lehrer. Au\u00dferdem steht hier noch \u201eAnnika anrufen\u201c und \u201e60\u20ac\u201c drauf, ich muss mich also noch bei der Beratungsstelle melden. Ich muss auch noch zum Sozialamt gehen und dort den Leistungsbescheid f\u00fcr den Baf\u00f6g-Antrag abgeben, deshalb steht hier \u201eBrauhausstra\u00dfe 5 Bescheid\u201c. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670857925323{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Als ich 18 Jahre alt war, wusste ich noch nicht mal, was ein Baf\u00f6g-Antrag ist.<\/p>\n<p>JUAN: Ich wusste das auch nicht. Das Sozialamt hat mir gesagt, dass ich das machen muss, wenn ich diese Art von Schule besuche, auf die ich gerade gehe. Annika von der Beratungsstelle hat mir dann ein zwanzigseitiges Dokument gegeben, das wir gemeinsam aufgef\u00fcllt und eingereicht haben.<\/p>\n<p>SANDRA: Bei diesen gro\u00dfen Antr\u00e4gen holst du dir noch Hilfe bei Beratungsstellen, aber viele Sachen machst du mittlerweile allein. Was f\u00fcr Antr\u00e4ge stellst du?<\/p>\n<p>JUAN: Ich stelle zum Beispiel Nachhilfeantr\u00e4ge. Die f\u00fclle ich selbstst\u00e4ndig aus.<\/p>\n<p>FRIEDER: Machst du das f\u00fcr alle deine Geschwister?<\/p>\n<p>JUAN: Eigentlich nicht. Ich f\u00fclle sie so aus, wie es mir beim ersten Malin der Beratungsstelle gezeigt worden ist und dann macht meine Schwester den Rest. Ich muss mich auch noch um andere Sachen k\u00fcmmern und kann nicht f\u00fcnf Antr\u00e4ge, f\u00fcr alle meine Geschwister, stellen. Meine Schwester unterst\u00fctzt mich bei vielen Sachen. Ich habe eine Familie, die mich unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>SANDRA: Es klingt so, als ob du alle organisatorischen Aufgaben zu Hause \u00fcbernimmst. Habt ihr eine klare Aufgabenverteilung unter den Geschwistern? Wer kauft beispielsweise ein?<\/p>\n<p>JUAN: Zurzeit machen meine Schwester und meine Mutter den Einkauf. Meine Mutter zeigt auch meiner anderen Schwester, wie man mit Geld umgeht. Meine Geschwister, meine Mutter und ich teilen uns auch auf, wer zu welchem Elternabend geht. Meine Tante Muna und meine gro\u00dfe Schwester machen den Haushalt. Sie putzen, waschen W\u00e4sche und kochen. Muna holt auch meine kleinen Geschwister von der Schule ab. Wenn gutes Wetter ist, gehen sie zu Fu\u00df zur Schule. Wenn es schneit, nehmen sie den Bus. Meine j\u00fcngsten Geschwister, die Zwillinge, sind in Deutschland geboren.<\/p>\n<p>FRIEDER: War deine Mutter schwanger, als sie nach Deutschland gekommen ist?<\/p>\n<p>JUAN: Ja. Ich war damals selbst noch sehr klein, aber ich erinnere mich, wie meine Mutter im Irak gesagt hat, dass sie schwanger sei. Sie meinte aber, dass sie abgetrieben habe. Als wir auf dem Weg nach Deutschland waren, hat meine Mutter meiner Tante gesagt, dass sie noch schwanger mit den Zwillingen sei. Sie wollte abtreiben, weil sie meinte, es seien schon genug Kinder. Aber mein Vater wollte das nicht. Er hat der Abtreibung nicht zugestimmt. Es ist selten, dass Familien so viele Kinder haben. Ich finde es sch\u00f6n, wenn man viele Geschwister hat. Man ist nie allein an irgendetwas schuld und man muss nicht immer alles allein machen. Man braucht keine Freunde, wenn man so viele Geschwister hat.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670857947630{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Ich kann mir vorstellen, dass die Leute manchmal schockiert reagieren, wenn du sagst, wie viele Geschwister du hast. Wie f\u00fchlt sich das f\u00fcr dich an?<\/p>\n<p>JUAN: Ich habe dabei kein gutes Gef\u00fchl. Es gibt immer Leute, die etwas dagegen haben. F\u00fcr mich ist das aber kein Problem. Die k\u00f6nnen sagen, was sie wollen. Ich finde meine Familie toll. Nur hier im Alltag in Borna merke ich, dass es mir manchmal schwerf\u00e4llt. Ich bin immer gemeinsam mit meinen Geschwistern in der Stadt unterwegs. Wir h\u00f6ren, dass die Leute sagen, dass wir so eine gro\u00dfe Familie sind. Das gibt mir das Gef\u00fchl, dass wir zu viele sind.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wie ist eure jetzige Wohnsituation?<\/p>\n<p>JUAN: Meine Tante und meine Schwester wohnen zusammen in einer Wohnung und der Rest der Familie wohnt in einer anderen Wohnung, in drei Schlafzimmern. Wir haben alle unser eigenes Bett, aber schlafen in einem Zimmer.<\/p>\n<p>FRIEDER: Also schlaft ihr zu siebt in einem Zimmer?<\/p>\n<p>JUAN: Wir haben zwei Wohnungen. Die eine K\u00fcche haben wir nicht mehr gebraucht, in die ist mein Bruder eingezogen. Meine Mutter, die Zwillinge und ich schlafen in einem Zimmer. Die anderen Geschwister schlafen in dem anderen.<\/p>\n<p>SANDRA: Deine Mutter hat ja 2016 schon den ersten Antrag auf eine Wohnung gestellt. Ihr habt erst 2020 die Wohnung bekommen. Das war ein langer Kampf. Ich hatte immer das Gef\u00fchl, dass der eigentliche Grund nicht war, dass es keine Wohnung gab, sondern dass sie euch kontrollieren wollten. Weil sie dachten, dass ihr eine gro\u00dfe Familie seid und dass deine Mutter das nicht allein schafft.<\/p>\n<p>JUAN: Ja genau. Deren Angst war, dass alles durcheinander sein w\u00fcrde und die Wohnung katastrophal aussehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>SANDRA: Sie haben auch gesagt, dass sie euch keine Wohnung geben, weil sie euch kontrollieren wollen. Ihr seid aber eine top organisierte Familie. Eure Mutter hat das alles gut im Griff.<\/p>\n<p>FRIEDER: Es ja auch absurd, pauschal zu sagen, dass ihr das nicht hinkriegt und ihr kontrolliert werden m\u00fcsst, nur weil ihr elf Leute seid. Das macht mich w\u00fctend.<\/p>\n<p>JUAN: Sie sagten, dass wir eine gro\u00dfe Familie seien und wir deswegen keine Wohnung bekommen.<\/p>\n<p>SANDRA: Ich glaube, das war ein Grund. Aber es gab auch viele Vorurteile. Ich glaube, es gibt viele Vorurteile gegen gro\u00dfe Familien.<\/p>\n<p>JUAN: Ich bin sehr froh, dass das mit der Wohnung geklappt hat. Letztens hat ein Junge aus meiner Klasse erz\u00e4hlt, dass er zehn Geschwister hat. Alle haben ihn angeschaut und gelacht, auch der Lehrer. Ich fand das richtig schlimm. Es ist sch\u00f6n, Geschwister zu haben. Dar\u00fcber sollte keiner lachen. Ich war sehr entt\u00e4uscht davon, dass die ganze Klasse gelacht hat.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670857964522{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]FRIEDER: Woher kommen deine Mitsch\u00fcler und Mitsch\u00fclerinnen? Aus ganz Leipzig und Umgebung?<\/p>\n<p>JUAN: Ja genau. Und ich bin die einzige aus Borna. Morgens in der Bahn treffe ich immer ein M\u00e4dchen, das in B\u00f6hlen zur Schule geht. Ich versuche mich aber immer allein hinzusetzen, getrennt von anderen, damit ich nicht vergesse, was ich noch machen muss. Ich brauche die Zeit im Zug. Ich brauche jede Minute.<\/p>\n<p>SANDRA: Das klingt nach einem echt harten Programm<\/p>\n<p>JUAN: Vor zwei Tagen habe ich nach sieben Jahren endlich einen Aufenthaltstitel bekommen. Ich bin dann zusammen mit meiner Mutter zur Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde in Grimma gegangen, um das Dokument dort abzuholen. Wir waren \u00fcbergl\u00fccklich. Die Leute, die dort arbeiten, haben aber sehr n\u00fcchtern reagiert und uns nur gefragt, was wir wollen. Ich finde, sie geben den Menschen nicht genug Aufmerksamkeit. Eigentlich habe ich den Antrag gemeinsam mit meiner gro\u00dfen Schwester gestellt, aber sie hat noch keine Antwort bekommen. Meine Mutter, meine Tante und meine anderen Geschwister haben leider noch keinen Aufenthaltstitel. Sie sind immer noch nur geduldet. Meine Familie versucht ihr Bestes in Deutschland zu geben. Aber Deutschland zeigt ihnen immer wieder das Gegenteil. Sie versuchen Deutsch zu lernen, aber die Antr\u00e4ge f\u00fcr einen Sprachkursplatz werden seit sieben Jahren immer wieder abgelehnt. Vor f\u00fcnf Monaten h\u00e4tte es endlich klappen k\u00f6nnen. Aber im Moment gibt es keine Sprachlehrer in Borna.<\/p>\n<p>SANDRA: Die Zwillinge wurden hier geboren und wurden hier mit einer Zuckert\u00fcte in der Hand eingeschult. Und trotzdem sind sie nur geduldet und haben einen unsicheren Status.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was genau bedeutet es eigentlich, geduldet zu sein?<\/p>\n<p>JUAN: Die Duldung gilt immer nur f\u00fcr sechs Monate und dann muss man eine neue beantragen. Es dauert etwa zwei Wochen, bis der Antrag bewilligt wird. Man muss jedes Mal wieder das Duldungsdokument ausf\u00fcllen und einreichen. Dann geben sie einem wieder ein Papier und man ist f\u00fcr weitere sechs Monate geduldet. Mit der Duldung kann man nur innerhalb Deutschlands reisen, nicht ins Ausland.<\/p>\n<p>SANDRA: Wie viele Tage im Jahr bist du bei der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde?<\/p>\n<p>JUAN: Das kommt darauf an, was ich zu tun habe. Ich bin wirklich oft wegen Kleinigkeiten beim Sozialamt. Dort muss man auch hin, um die Duldung zu beantragen.<\/p>\n<p>SANDRA: Wei\u00dft du, warum nur du und deine Schwester den Aufenthaltstitel bekommen habt?<\/p>\n<p>JUAN: Ich glaube, weil wir die \u00e4ltesten Kinder sind. Aber genau wei\u00df ich es auch nicht.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670857996729{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Es gibt einen Aufenthaltstitel f\u00fcr Jugendliche bis 21 Jahre, den man ab vierzehn Jahren bekommen kann. Bedingung daf\u00fcr ist, dass man nichts angestellt hat, sich gut integriert hat und regelm\u00e4\u00dfig in die Schule geht. Diesen Aufenthaltstitel haben Juan und ihre j\u00fcngere Schwester jetzt bekommen. Wir haben das beantragt, als ihr 14 Jahre alt ward. Du bist jetzt Achtzehn. Das hei\u00dft, es hat vier Jahre gedauert.<\/p>\n<p>JUAN: Genau. Wir haben auf den Moment gewartet, wo wir die Aufenthaltstitel beantragen konnten.<\/p>\n<p>SANDRA: Man muss schon mindestens vier Jahre in Deutschland sein. Als es so weit war, haben wir die Aufenthaltstitel f\u00fcr euch beantragt. Daf\u00fcr brauchtet ihr einen irakischen Reisepass. Es ist nicht so einfach, den in der Irakischen Botschaft zu bekommen. Ihr musstet daf\u00fcr sehr oft nach Berlin fahren.<\/p>\n<p>JUAN: Ja, mehr als sechs Mal. Wir waren wirklich oft dort. Ich musste sogar allein dahin, weil etwas schief gelaufen ist und ein Zettel nachgereicht werden musste. Wir haben damals Urkunden auf Arabisch eingereicht. Die mussten ins Deutsche \u00fcbersetzt werden. Daf\u00fcr musste mein Vater im Irak die Urkunde auf Deutsch \u00fcbersetzen lassen.<\/p>\n<p>SANDRA: Ich wei\u00df, dass die Beantragung wirklich sehr kompliziert ist. Ich versuche das auch manchmal Deutschen zu erkl\u00e4ren, die sich auf dem Gebiet ein bisschen auskennen. Selbst die verstehen es oft nicht. Wie war das f\u00fcr dich? Du warst erst 14 Jahre alt. Wie konntest du das alles durchblicken?<\/p>\n<p>JUAN: Das ging nicht automatisch. Erstmal musste mir erkl\u00e4rt werden, was das alles ist und worum es geht. Ich kenne zwar die verschiedenen \u00c4mter, was genau ihre Aufgaben sind, wei\u00df ich aber auch nicht. Als ich das erste Mal Baf\u00f6g beantragt habe, wusste ich auch nicht wie das funktioniert. Ich habe immer wieder mit neuen Antr\u00e4gen zu tun, muss neue Formulare ausf\u00fcllen und neue Dinge beachten. Aber man lernt dazu. Und je \u00f6fter man auf den \u00c4mtern ist, je l\u00e4nger man sich mit all dem besch\u00e4ftigt, desto mehr bekommt man mit und versteht, wie das funktioniert.<\/p>\n<p>FRIEDER: Respekt, dass du das alles kannst und machst.<\/p>\n<p>JUAN: F\u00fcr Migranten sollte ein sicherer Aufenthaltsstatus einfacher zug\u00e4nglich gemacht werden. Deutsche werden hier geboren und bekommen direkt ihre Geburtsurkunde. Daf\u00fcr m\u00fcssen sie nicht aufs Amt gehen.<\/p>\n<p>SANDRA: Was denkst du, wie viele Jahre es noch dauert, bis alle aus deiner Familie einen Aufenthaltstitel haben?<\/p>\n<p>JUAN: Das wird noch lange dauern. Bestimmt doppelt so lange, wie wir schon hier leben. Bei den Zwillingen wird es einfacher sein, weil sie hier geboren sind. Bei den anderen wird es mindestens vier Jahre dauern. Meine Geschwister sind ja noch nicht mal vierzehn Jahre alt, deswegen dauert es noch viel l\u00e4nger. Ich sch\u00e4tze zehn Jahre.<\/p>\n<p>SANDRA: Wo bist du im Irak geboren und aufgewachsen? War das eine Stadt wie Borna? Was f\u00fcr Erinnerungen hast du an die ersten zehn Jahre deines Lebens dort?<\/p>\n<p>JUAN: Wir haben im Nordirak, also in S\u00fcdkurdistan gelebt. Ich habe aber nicht mehr viele Erinnerungen an diese Zeit. Ich kann mich nur an kleine Sachen erinnern, zum Beispiel wenn ich Mist gebaut habe. Ich kann mich an die Stra\u00dfen erinnern. Die Stadt war in etwa so gro\u00df wie Borna, vielleicht auch etwas gr\u00f6\u00dfer.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670858013938{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]FRIEDER: Wie hei\u00dft die Stadt?<\/p>\n<p>JUAN: Ich kann den Namen nicht richtig aussprechen. Bajet sagt man. Mein Vater lebt immer noch dort.<\/p>\n<p>SANDRA: Bist du dort zur Schule gegangen?<\/p>\n<p>JUAN: Ja, bis zur f\u00fcnften Klasse. Bis zu dem Tag, an dem ich mein Zeugnis bekommen habe. Daran kann ich mich noch erinnern. Ich habe mich gefreut, weil ich gute Noten hatte. Eine Mitsch\u00fclerin von mir war die Klassenbeste. Sie hatte niemals eine Zwei, immer nur Einsen. An sie kann ich mich noch gut erinnern. Ich glaube, sie lebt jetzt auch in Deutschland, weil das System im Irak wirklich nicht das Beste ist.<\/p>\n<p>SANDRA: War das eine Stadt, in der nur Jesiden gewohnt haben? Wie habt ihr eure Religion gelebt?<\/p>\n<p>JUAN: Ja, in unserer Stadt haben nur Jesiden gelebt. Damals sagten sie, dass es in Syrien auch Krieg gebe. Deswegen sind auch Muslime in unsere Gebiete gezogen. Jesiden gibt es \u00fcberall auf der Welt, sie leben nicht nur in einer Region. Es gibt auch Jesiden in Armenien oder Deutschland. Nur muss man sie hier etwas l\u00e4nger suchen.<\/p>\n<p>SANDRA: Kannst du dich an eine jesidische Tradition erinnern? Eine Tradition, der ihr hier in Deutschland vielleicht auch noch nachgeht?<\/p>\n<p>JUAN: Es ist schwer, in Deutschland jesidische Traditionen auszuleben. Als wir noch im Irak lebten, gab es einen Feiertag, das Neujahrsfest Newroz. Nach diesem Fest ist mein Bruder benannt. Wir haben Newroz auch in der Schule gefeiert. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Jeder sollte drei Euro f\u00fcr eine Torte bezahlen. Es gab eine riesige Torte. Ich habe gestaunt, als ich sie gesehen habe.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wie ist es f\u00fcr dich als Jesidin in Deutschland zu leben?<\/p>\n<p>JUAN: Ich denke, es w\u00e4re einfacher in Deutschland christlich zu leben, weil es hier kaum Jesiden gibt.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wie lebt ihr eure Religion hier aus?<\/p>\n<p>JUAN: Eigentlich gar nicht. 2017 oder 2018 wurde in Leipzig das Zuckerfest gefeiert. Das gibt es im Dezember und im April. Das Zuckerfest im April ist das wichtigere Fest, das ist das bessere der beiden. Wir Jesiden feiern unsere Feste zu anderen Zeiten als die Muslime, wir sind eine andere Religion. Als Jesidin in Deutschland zu leben, bedeutet, nicht in deinem eigenen System, nicht nach deinen eigenen Br\u00e4uchen, zu leben. Du musst im deutschen System leben. Du gew\u00f6hnst dich an die deutschen Traditionen. Zum Zuckerfest klopfen wir eigentlich, wie hier zu Halloween, an Haust\u00fcren und sammeln S\u00fc\u00dfigkeiten. Diese Tradition gibt es hier aber nicht, weil es hier nicht so viele Jesiden gibt.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670858041537{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]FRIEDER: Das hat sich bei uns auch ver\u00e4ndert. Als ich ein Kind war, sind wir im Februar zu Fasching um die H\u00e4user gezogen und haben an T\u00fcren geklopft. Dann ist es durch den Halloween-Brauch aus den USA auch hier schick geworden, das Ende Oktober zu machen. Traditionen ver\u00e4ndern sich. Vielleicht m\u00fcsst ihr Jesiden das mit vielen Leuten im April machen.<\/p>\n<p>JUAN: Nein, das m\u00f6chte ich nicht. Ich lebe mit der deutschen Version.<\/p>\n<p>SANDRA: Was genau meinst du damit? Du lebst hier eine deutsche Version davon jesidisch zu sein?<\/p>\n<p>JUAN: Ich meine damit, dass ich mich an deutsche Traditionen halte. Damit meine ich nicht unsere Gebete, die machen wir weiterhin. Wir glauben an unsere Religion, aber wir wollen an den deutschen Feiertagen mit dabei sein k\u00f6nnen. An Weihnachten sind wir auch dabei, obwohl wir Jesiden sind. Bei uns gibt es das auch, aber nicht im Dezember.<\/p>\n<p>SANDRA: Hast du das Gef\u00fchl, dass es deiner Mutter wichtig ist, dass sie euch etwas \u00fcber eure Religion erz\u00e4hlt?<\/p>\n<p>JUAN: Sie m\u00f6chte, dass wir mit Jesiden leben und dass wir wissen, wie man sich auf einer jesidischen Hochzeit benimmt und was es f\u00fcr Traditionen gibt. Ich kann noch sehr viel \u00fcber unsere Br\u00e4uche lernen, weil ich sie noch nicht so gut kenne. Im Alltag habe ich eigentlich nur Kontakt mit Deutschen und Muslimen. Es gibt hier nicht viele Jesiden. Wir kennen hier nur eine andere jesidische Familie. Die sehen wir aber nur ganz selten. Meine Mutter hat mehr Kontakt zu ihnen, wir Kinder aber nicht.<\/p>\n<p>FRIEDER: Gibt in Leipzig eine jesidische Gemeinde?<\/p>\n<p>JUAN: Das wei\u00df ich nicht. Meine Mutter kennt Jesiden in Nordrhein-Westfalen. Ich aber nicht.<\/p>\n<p>SANDRA: Im Westen gibt es St\u00e4dte, wo mehr Jesiden leben.<\/p>\n<p>JUAN: Im Irak gibt es eine jesidische Kirche. Ich glaube, der Ort hei\u00dft Lalisch. Dort war ich nur einmal, bevor wir nach Deutschland gekommen sind. Ich war sechs oder sieben Jahre alt. Meine Mutter hat an dem Tag daf\u00fcr gebetet, dass wir gut nach Deutschland kommen.<\/p>\n<p>SANDRA: Ich war auch mal dort als ein Fest gefeiert wurde. Es waren sehr viele Menschen da. Als Deutsche sind wir dort extrem aufgefallen.<\/p>\n<p>JUAN: Das ist genauso, wie wenn ich jetzt hier auffalle.<\/p>\n<p>SANDRA: Was sagst du zu Leuten, die dich fragen, wo dein Zuhause ist?<\/p>\n<p>JUAN: Ich sage ihnen, dass ich zwischen beiden L\u00e4ndern stehe. Ich komme aus dem Irak, aber ich lebe in Deutschland. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670858066910{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Wo ist dein Herz?<\/p>\n<p>JUAN: An beiden Orten. In Deutschland habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht und im Irak meine Kindheit. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wieder mal in den Irak zu reisen, aber dort leben will ich nicht nochmal.<\/p>\n<p>SANDRA: Lebst du gerne in Borna? Oder w\u00fcrdest du lieber an einem anderen Ort wohnen?<\/p>\n<p>JUAN: Ich w\u00fcrde gerne an einem Ort leben, wo mehr Stra\u00dfenbahnen fahren. Der Bus kommt hier oft nicht oder hat Versp\u00e4tung. Es f\u00e4hrt nur einmal in der Stunde ein Bus. F\u00fcr mich z\u00e4hlt jede Minute. Ich m\u00f6chte an einem Ort wohnen, wo nicht so viel los ist, aber wo es Stra\u00dfenbahnen gibt. Leipzig w\u00e4re nicht so meins, da ist es am Bahnhof immer so voll.<\/p>\n<p>SANDRA: Wenn ich B\u00fcrgermeisterin von Borna w\u00e4re, w\u00fcrde ich nur f\u00fcr dich eine Stra\u00dfenbahn bauen. Was w\u00fcrdest du noch gerne in Borna \u00e4ndern?<\/p>\n<p>JUAN: Ich f\u00e4nde es sch\u00f6n, wenn es in Borna mehr zu sehen g\u00e4be, wenn hier mehr los w\u00e4re. Borna ist eher wie ein Dorf. F\u00fcr mich ist es zu klein. Ich mag es, aber es sollte gr\u00f6\u00dfer werden und wachsen. Dann w\u00fcrden mehr Leute hier wohnen wollen. Ich lebe hier seit acht Jahren und f\u00fchle mich wie eine B\u00fcrgerin von Borna.<\/p>\n<p>FRIEDER: Gibt es etwas, was dir in Borna gef\u00e4llt?<\/p>\n<p>JUAN: Die Ruhe. Ich wei\u00df, wo was ist und kenne mich aus. Ich f\u00fchle mich hier wie zu Hause. Wir waren letztens in Grimma und sind dort zur Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde gegangen. Da wird nur kurz und knapp behandelt, was du willst und wohin du musst. Hier in Borna nehmen sie sich die Zeit dir alles zu erkl\u00e4ren, wenn du etwas nicht verstehst.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was ist dein Plan nach dem Abitur?<\/p>\n<p>JUAN: Das steht noch nicht fest, aber ich kann mir gut vorstellen im B\u00fcro zu arbeiten. Vielleicht als Immobilienkauffrau. Die Wohnsituation von Menschen ist eine Sache, die mir wirklich am Herzen liegt. Als Immobilienkauffrau k\u00f6nnte ich den Leuten Wohnungen zeigen und ihnen erm\u00f6glichen in einem Haus zu leben.<\/p>\n<p>SANDRA: Das w\u00e4re ja perfekt. Dann w\u00fcrde Borna wachsen, wenn deine Firma H\u00e4user baut.<\/p>\n<p>JUAN: Ich versuche immer mein Bestes zu geben.<\/p>\n<p>SANDRA: Du gibst schon seit sieben Jahren dein Bestes.<\/p>\n<p>JUAN: Dann will ich noch mehr mein Bestes geben. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670858078743{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Hast du einen Lieblingsort in Borna?<\/p>\n<p>JUAN: Eigentlich bin ich \u00fcberall gerne. Ich bin gerne mit anderen Leuten zusammen im Zentrum. An Weihnachten oder zum Oktoberfest ist das ein sch\u00f6ner Ort. Wenn ich allein bin, gehe ich gerne zum Breiten Teich.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was w\u00fcnschst du dir f\u00fcr die Zukunft?<\/p>\n<p>JUAN: Ich habe viele W\u00fcnsche. Ich habe Ziele. Ich will meine Mutter gl\u00fccklich machen. So, wie sie mich gl\u00fccklich macht. Borna h\u00e4lt sie gerade klein. Ich will, dass sie einen Aufenthaltstitel bekommt. Ich will meinen F\u00fchrerschein machen, f\u00fcr meine Mutter. Seit sieben Jahren tragen wir immer alles zu Fu\u00df nach Hause.<\/p>\n<p>SANDRA: Hast du noch mehr W\u00fcnsche?<\/p>\n<p>JUAN: Ich w\u00fcnsche mir, dass aus meinen Geschwistern etwas wird, dass ihnen viele M\u00f6glichkeiten offenstehen. Und f\u00fcr meine Schwester, die Schwierigkeiten beim Lernen hat, w\u00fcnsche ich mir, dass sie ihren Weg findet. Ich w\u00fcnsche mir ein tolles Leben in Deutschland, in einem Haus mit Garten, in dem meine Mutter Gem\u00fcse anbauen kann.[\/vc_column_text][mk_padding_divider size=&#8221;80&#8243;][\/vc_column][\/mk_page_section][vc_row][vc_column][vc_column_text css=&#8221;.vc_custom_1643311707101{margin-top: 80px !important;margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]\n<h4><a href=\"https:\/\/unofficial.pictures\/geboren-gekommen-geblieben\/\">Portr\u00e4ts einer diversen Stadt: \u201egeboren, gekommen, geblieben\u201c<\/a><\/h4>\n[\/vc_column_text][mk_padding_divider][\/vc_column][\/vc_row]\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in Deutsch.[mk_page_section padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;200&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_column_text align=&#8221;right&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1670858174191{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;] Juan geboren 2004, floh mit ihrer Familie 2015 aus Kurdistan und lebt seitdem in Borna [\/vc_column_text][vc_btn title=&#8221;zur\u00fcck zur \u00dcbersicht&#8221; style=&#8221;classic&#8221; shape=&#8221;square&#8221; color=&#8221;default&#8221; align=&#8221;right&#8221; link=&#8221;url:https%3A%2F%2Funofficial.pictures%2Fgeboren-gekommen-geblieben%2F|title:%5B%3Ade%5DPortraits%20einer%20diversen%20Stadt%3A%20%E2%80%9Egeboren%2C%20gekommen%2C%20geblieben%E2%80%9C%5B%3A%5D&#8221; el_class=&#8221;button-back-to-the-exhibition&#8221;][\/vc_column][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;100&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_single_image image=&#8221;2960&#8243; img_size=&#8221;400&#215;600&#8243; alignment=&#8221;right&#8221;][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][mk_padding_divider size=&#8221;80&#8243;][vc_column_text [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":2639,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2959","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2959","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2959"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2959\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2964,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2959\/revisions\/2964"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2959"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}