RASHID: Man fragt sich: „Warum verstehen die Leute das nicht?“ Dass man nicht freiwillig da ist. Dass man genauso wie sie ist. Dass wir in unserer Heimat genauso ein schönes Leben gehabt haben, auch schöner als das was ich hier jetzt lebe. Da kommen tausende Gedanken. „Warum mache ich denn eine Ausbildung, wenn die Leute mich so behandeln? Werde ich morgen auf dem Arbeitsmarkt auch so behandelt, auch so gesehen als Bürger zweiter Klasse oder dritter Klasse? Wie geht denn das weiter?“

RASHID: Ich bin Rashid, bin 22 Jahre alt, und komme aus Syrien. Ich bin seit fünf Jahren in Deutschland und auch in Suhl. Damals bin ich mit meinem Cousin gekommen. Am Anfang habe ich in einer Jugendwohngruppe gewohnt, weil ich als Minderjähriger gekommen bin. Und mittlerweile habe ich seit über zwei Jahren eine eigene Wohnung. Am Anfang als ich kam, hab ich die neunte Klasse gemacht an der Lautenbergschule, das ist eine Regelschule. Und danach eine zusätzliche zehnte Klasse. Und danach ging es weiter mit einer Kinderpflege-Ausbildung für zwei Jahre, die hab ich an den Semper Schulen absolviert in Suhl. Und danach hab ich mich noch entschieden, Erzieher zu machen und bin jetzt im zweiten Lehrjahr.
RAFAEL: Wie läuft das so?
RASHID: Manchmal kommt es halt zu Schwierigkeiten mit den Deutschkenntnissen, aber es geht, ich hab mich daran gewöhnt. Zu Corona-Zeiten war es ein bisschen schwierig, weil wir da Homeschooling gemacht haben. Es gab viele Sachen, wo wir gesagt haben: hier braucht man einen Lehrer, der dazu nochmal erzählt, was die Sachen genau bedeuten. Aber ansonsten ging es so. Per Mail haben wir mit dem Lehrer Kontakt gehabt, und hin und her geschrieben, das ging.
RAFAEL: Wie war das, da rein zu kommen in die Ausbildung?
RASHID: Ehrlich gesagt, hatte ich am Anfang nicht vor gehabt, Erzieher zu machen. Ich wollte eigentlich Zahntechniker werden. Und dafür bräuchte man einen Realschulabschluss, deswegen hab ich die Kinderpfleger-Ausbildung mit Realschulabschluss gemacht. Da musste man einen Durchschnitt von mindestens 3,0 haben um den Realschulabschluss zu bekommen, und das hatte ich mit 1,7. Und damit habe ich nach Zahntechniker-Laboren gesucht hier in Suhl. Einmal habe ich ein Praktikum gemacht, aber am Ende wurde ich doch nicht genommen, weil die sehr selten jemand aufnehmen. Ich hab also keine Stelle bekommen. Deswegen habe ich mich noch mal sehr schnell für den Erzieher beworben, weil ich ja vorher schon Kinderpfleger gemacht hatte. Ich bin auch sehr froh, dass ich jetzt Erzieher angefangen habe. Durch die zwei Jahre die ich gemacht habe, habe ich auch gemerkt, dass so eine Arbeit mit Menschen auch was für mich ist. Ich hab mich auch in Syrien um meine kleinen Geschwister gekümmert. Ich hab zwei kleine Schwestern, und zwei Brüder.
RAFAEL: Hast du da schon Praktika oder sowas gemacht? Wurdest du da gleichwertig behandelt? Oder gab es da mal Probleme?
RASHID: Eigentlich nicht, im Kindergarten waren auch die ganzen Mitarbeiter und auch die Chefin super nett, mit der konnte ich alles besprechen. Es waren alle lieb. Und auch das Praktikum in der Jugendwohngruppe war super schön, das waren auch nette Leute. Außer eine Familie, die ihr Kind besucht hat. Da ist es ein bisschen zur Diskussion gekommen. Die erste Frage, die er mir gestellt hat: „Bist du ein Wirtschaftsflüchtling?“ Ich sage: „Nein, ich bin ein Kriegsflüchtling.“ Man konnte spüren, dass er so ein Nazi ist. Und auf einmal sagt er: „Nenn mir einen Flüchtling, der keine Waffen in die Hand nehmen kann. Bist du auch so einer?“ Ich sage: „Nein, ich bin nicht so, sonst wäre ich nicht hier. Sonst wäre ich in meinem Land geblieben, wenn ich ein Gewehr in der Hand gehabt hätte.“ In unserer Ausbildung lernen wir auch, dass man professionell handelt, und nicht gleich hoch geht auf 180 und so wie er reagiert. Und er dachte, dass ich dort wohne. Da hab ich gesagt: „Ich mache hier ein Praktikum, ich mache eine Ausbildung zum Erzieher.“ Er war so verwundert, dass ich eine Erzieher-Ausbildung mache: „Ach, du willst hier morgen Kinder erziehen?!“ Da hab ich gesagt: „Ja, warum nicht?“ Das war ein Erlebnis mit Eltern eines Kindes dort.
RAFAEL: Krass, was sich manche so raus nehmen. Habt ihr da noch irgendwie reagiert? Oder war das damit beendet?
RASHID: Das war eigentlich damit beendet. Die Freundin oder Frau war auch mit dabei, und hat dann noch mal zu ihm gesagt: „Das darfst du nicht sagen, die sind nicht alle so.“

Wir als Erzieher dürfen auch nicht gleich nervös werden und mit der selben Sprache antworten. Wir müssen langsam vorangehen: „Nein, wir sind nicht so, wir sind keine Kriminellen, wir sind auch Menschen wie ihr. Wir sind nicht alle so.“ Dann hat er so Fragen gestellt: „Würdest du wieder zurückgehen, wenn du jetzt zurückgeschickt wirst?“ Wo ich mich frage: Wer bist du denn, dass du mir solche Fragen stellst? Man sollte nicht einfach was annehmen, weil Leute anders aussehen, eine andere Hautfarbe haben, eine andere Haarfarbe, oder weil sie eine andere Sprache sprechen. Man kann solche Fragen stellen, aber es kommt auf die Art und Weise an, wie man die stellt, und wann man die stellt. Wir sind offen für alle Gespräche, also ich bin es. Ich kann jedem antworten, der mir so eine Frage stellt: „Komm, ich will mal gerne hören, was du so machst.“ Natürlich kann man das fragen. Aber es gibt bestimmte Situationen, wo man gut fragen kann. Wir können irgendwo einen Kaffee trinken gehen und darüber sprechen, damit habe ich kein Problem, wenn ich Zeit habe. Aber es kommt darauf an, mit welchem Ton man die Fragen stellt. Ich wurde auch mal höflich gefragt, aber in manchen Situationen werden diese Fragen anders gestellt, wo man sich denkt: Warum? Das sind eher Vorwürfe, warum man hier ist. Als er mich gefragt hat, hab ich also gesagt: „Nein, ich bin erst mal hier und mache meine Ausbildung. Wenn es irgendwann in meiner Heimat keinen Krieg mehr gibt, würde ich wahrscheinlich auch wieder zurück gehen. Man weiß es noch nicht. Ich hab hier wieder von Null angefangen, alles aufgebaut. Wenn ich dann eine Entscheidung treffen muss, wird das natürlich auch schwierig sein.“ Aber ansonsten waren die Minderjährigen, die dort gelebt haben, alle nett. Auch die Betreuerinnen und Betreuer und die Chefin und die Abteilungsleiter, die waren alle lieb. Eigentlich, wenn man in so einem sozialen Beruf mit Menschen arbeiten möchte, muss man ja sozial sein. Sonst muss man was anderes machen.
RAFAEL: Aber das lernt ihr quasi in der Ausbildung, dass man dann ruhig reagieren muss?
RASHID: Genau, dass man auch professionell reagiert. Zum Beispiel hab ich auch nicht gesagt, dass alle Deutschen so sind zum Beispiel. Das ist ja auch nicht so, und man muss auch nicht so antworten. Nicht nur als Erzieher, sondern auch woanders muss man nicht alle über einen Kamm scheren. Hier in Suhl haben wir auch ein paar Erlebnisse gehabt. Vor allem beim Einkaufen. Also mir werden beim Einkaufen nicht solche Fragen gestellt, aber ich fühle diese Vorurteile. Wenn man shoppen gehen möchte, dann wird man gleich von den Mitarbeitern beobachtet, in den Fokus genommen. Als wäre ein Dieb in den Laden rein gegangen, wird gleich hinter uns her gelaufen. Da schämt man sich. Man fühlt sich ja nicht als Dieb. Was bin ich denn? Warum kommen sie denn hinter mir her? Ich kann mal noch ein Beispiel sagen. Mit einem Freund waren wir mal in der Stadt in einem Laden und wollten was kaufen, ein Klamotten-Teil. Er wollte gleich nach seinem Einkauf ins Fitness-Studio gehen und hat dafür seine Sporttasche dabei gehabt. Wir sind also in den Laden rein, natürlich waren wie immer die Augen auf uns gerichtet. Als wir dann ein Oberteil für ihn gefunden haben, das er kaufen wollte, sind wir zur Kasse. Vor uns war eine Dame, eine deutsche Dame sag ich mal, die eingekauft hat mit einem Rucksack, hat ihre Sachen in den Rucksack gesteckt und ist da raus. Und als wir an der Kasse waren, sagt die Mitarbeiterin auf einmal: „Machen Sie bitte Ihre Tasche auf.“ Da hab ich gleich gesagt: „Warum wollen Sie denn in die Tasche rein schauen?“ – „Na, das ist ja unsere Arbeit. Wir wissen was wir machen.“ Da hab ich gesagt: „Die Dame vor uns hat auch einen Rucksack dabei gehabt, warum haben Sie den denn nicht kontrolliert? Ist das nicht rassistisch?“ – „Nein, wir wissen was wir tun. Und wir müssen jetzt eure Tasche kontrollieren.“ – „Ja, kontrollieren Sie, wir machen sie auch auf. Aber Sie werden nichts finden. Sie werden sehen, dass das alles unsere Sachen sind. Und das was wir kaufen, werden wir ja gleich bezahlen.“ – „Nein, das muss man machen.“ So ging es hin und her. „Das ist rassistisch, das dürfen Sie ja nicht machen. Entweder bei allen, oder bei niemandem. Haben Sie gesehen, dass wir irgendwas in die Taschen rein gesteckt haben? Nein.“

Da hat sie gesehen, dass wir darüber ein bisschen diskutiert haben. Dann hat sie trotzdem einen Blick rein geworfen, dass wir nichts mit genommen haben. Das sind halt so Sachen, die man erlebt. Jetzt gehe ich kaum noch in den Laden, wenn ich nichts dringend brauche. Oder manchmal schon, aber vielleicht gefällt mir ja an dem Tag nichts, vielleicht sind keine guten Angebote da. Und jetzt seit ein paar Tagen will ich mir Schuhe kaufen, aber ich traue mich nicht in den Laden zu gehen. Manchmal bekomme ich das Gefühl, wenn ich nichts kaufe und raus gehe, dann denken sie, ich bin rein gekommen um was zu klauen, aber habe keine Chance gehabt, weil sie hinter mir her waren. Manchmal kaufe ich Sachen, die ich eigentlich nicht brauche, nur damit sie nicht denken, ich bin zum Klauen gekommen. Nur damit ich gut raus komme und die nicht hinterher laufen.
RAFAEL: Ach, hinterher gelaufen sind sie auch schon?
RASHID: Ja, zum Beispiel im Schuhladen sind sie immer hinterher gelaufen. Natürlich haben sie Abstand gehalten. Aber man fühlt es ja und sieht es. Ich hab sie noch nicht angesprochen, aber Freunde von mir haben sie mal gefragt: „Warum kommen Sie denn uns hinterher?“ Da hat sie gesagt: „Das ist unsere Arbeit, wir wissen was wir machen?“ – „Aber warum gehen Sie denn nicht hinter einem Blonden her, zum Beispiel? Warum kommen Sie nur hinter uns her? Nur weil wir anders aussehen?“ Andere Leute können frei einkaufen gehen, sich frei bewegen, und die Sachen anziehen ohne irgendwie gestört zu sein. Und wir, wenn wir einkaufen gehen, werden wir immer in den Fokus genommen, beobachtet. „Wird er vielleicht die Schuhe in seine Tasche rein stecken?“ Das verstehe ich nicht. Natürlich, wenn ich Unterstützung brauche, würde ich auf sie zugehen und das sagen. „Vielleicht können Sie mir helfen, ich bräuchte von dem und von dem, aber in einer anderen Größe.“, oder so. Aber man merkt das ja. Die halten so einen Abstand und gucken immer her, was du machst. Gucken wieder woanders hin, nach zwei Minuten gucken sie nochmal, was du machst. Einmal war ich auch mit einem älteren Mann aus meinem Land unterwegs – das war der Vater von einem Kumpel von mir – weil er sich eine Hose kaufen wollte. Er konnte nicht so gut Deutsch, deswegen hat er mich mitgenommen. Wir sind in Suhl herum gelaufen und haben so einen kleinen Laden gefunden, und ihm haben irgendwie die Hosen gefallen, die dort im Schaufenster lagen. Er wollte die Hose mal genauer anschauen, ein bisschen den Stoff fühlen. Als wir rein gegangen sind, hab ich gleich gesehen, dass die Verkäuferin nervös ist. Ich hab gesagt: „Können Sie bitte die Hose in der Größe für den Mann raus holen, der will die sich anschauen.“ Da hat sie gleich gesagt: „Nein, das kann ich nicht.“ – „Warum?“ – „Ich weiß ja nicht, ob die Preise Ihrem Niveau entsprechen.“ – „Aber wir haben ja nicht nach dem Preis gefragt, wir wollten ja nur die Hose sehen.“ Da hat sie gesagt, nein, ich dürfte die Hose nicht kaufen, und wir sollten bitte sofort den Laden verlassen. Ich hab gefragt: „Wieso soll ich denn den Laden verlassen, was hab ich denn gemacht?“ – „Ich habe schlechte Erfahrungen mit Leuten wie Ihnen gemacht, und Sie müssen schnell den Laden verlassen.“ – „Nein ich verlasse nicht den Laden, warum soll ich den denn verlassen? Das ist ja rassistisch, was Sie da sagen, das geht nicht.“ Da hat sie nur gesagt: „Nein, ich werde Ihnen das nicht verkaufen.“ Und ist laut geworden: „Verlassen Sie jetzt meinen Laden! Gehen Sie jetzt raus!“ Wo ich fragte: „Hallo, wir haben ja nur nach einer Hose gefragt, wir wollten die mal sehen.“ – „Nein, ich hab schlechte Erfahrungen gehabt mit solchen Leuten wie Ihnen.“ Und wir sollten so schnell wie möglich den Laden verlassen. Was soll man denn an dem Punkt machen? Also sind wir raus gegangen. Natürlich bin ich auch in dem Moment nicht so hoch gestiegen und hab sie beleidigt, sondern hab gesagt: „Das ist ja rassistisch was sie machen, das geht ja nicht. Hätten Sie das auch mit anderen gemacht?“ Nur weil wir vielleicht ein bisschen dunkle Haare haben oder ein bisschen anders aussehen, werden wir so behandelt. Wo ich mir sage: „Leute, wir sind ja nicht freiwillig hier her gekommen. Wenn kein Krieg gewesen wäre, wären wir auch nicht hier. Irgendwo Flüchtling zu sein, das habe ich mir nie gewünscht, aber es ist halt so, und wir sind ja einmal da.“

RAFAEL: Ja, und selbst wenn du es dir ausgesucht hättest. Selbst wenn jemand sich einfach aussucht, hier her zu kommen, muss er auch eine Hose kaufen können.
RASHID: Ja natürlich, das auch. Und ich meine natürlich gibt es auch schlechte Leute, es gibt auch böse Leute, das gibt es auch. Aber diese Menschen gibt es überall. Sowohl in Syrien als auch in Deutschland. Solche Menschen gibt es überall. Aber sie meinte, aufgrund früherer schlechter Erfahrungen wollte sie uns keine Hose verkaufen. Was weiß ich.
RAFAEL: Und wie war das für deinen Bekannten?
RASHID: Er konnte ja kein Deutsch, und in dem Moment wollte ich ihm nicht alles erzählen und hab gesagt: „Komm, wir gehen einfach irgendwo anders hin.“ Zu dem Zeitpunkt war ich irgendwie so sprachlos. Wie soll man denn reagieren? Sollen wir laut werden, genauso wie sie? Soll man sagen, sie soll die Polizei anrufen? Kommt dann die Polizei und sagt: „Ja, Sie müssen den Laden verlassen, wenn die Inhaberin das sagt.“ Was soll man denn da jetzt machen. Mein Bekannter hat es am Anfang nicht verstanden, er hat nur geguckt und dachte, dass wir über irgendwas anderes diskutieren. Aber er hat natürlich auch gefragt: „Warum seid ihr denn so nervös geworden? Warum habt ihr denn so laut geredet?“ Im Nachhinein hab ich ihm auch erklärt, dass sie uns keine Hose verkaufen wollte, und was ihre Begründung war. Und dass es darum ging, dass wir den Laden verlassen sollten. Natürlich wollte er so was auch nicht hören. Naja, das sind halt so Sachen, denen ich ab und zu begegne und die ich erleben muss, leider. Das ist natürlich auch in Suhl nicht in jedem Laden, sondern jetzt kenne ich die Läden, wo ich nicht rein gehe. Aber wenn man einmal dort ist und so was erlebt, dann vergisst man das auch nicht.
RAFAEL: Und waren da manchmal auch noch andere Kunden, wenn du solche Diskussionen hattest?
RASHID: Natürlich waren Kunden da, die aber von fernem geguckt haben und sich nicht beteiligt haben. Dann denken die bestimmt, die Mitarbeiterin hätte gesehen, dass wir was eingesteckt hätten, und dass sie uns deswegen kontrolliert. Sie werden sich auch denken, dass wir so sind. Oder vielleicht auch nicht, man weiß es ja nicht. Aber trotzdem werden sie sich fragen, warum die Mitarbeiterin unbedingt in unseren Rucksack schauen will.
RAFAEL: Hättest du dir da manchmal gewünscht, dass andere sich da einmischen?
RASHID: Natürlich. Man ist ja an der Stelle nicht gerade der Stärkste. Man weiß ja nicht, wenn man lauter wird, werden die Kunden entweder auf ihrer Seite stehen und sagen: „Natürlich, das ist ja ihr Job, sie weiß ja, was sie macht.“ Oder sie können sagen: „Ja, warum wollen Sie denn unbedingt seine Tasche kontrollieren? Haben Sie gesehen, dass er was eingesteckt hat?“ Wenn einer so an meiner Seite stehen würde, dann würde ich sagen: „Nee, ich mache die Tasche nicht auf. Dann rufen Sie die Polizei an, oder was weiß ich! Warum tun sie denn so, als ob ich was geklaut hätte?“ Natürlich wäre auch Solidarität gut. Wenn ein anderer noch mal sagt: „Warum haben Sie das bei den anderen nicht gemacht?“ Oder: „Warum haben Sie das bei mir nicht gemacht?“ Aber nein. Wenn die Kunden das sehen, dann denken sie sich entweder, wir hätten wirklich was geklaut, oder es wäre irgendwas unklar und deswegen will die Mitarbeiterin unsere Tasche angucken.
RAFAEL: Oder sie denken sich auch, ja „die“ klauen ja immer.
RASHID: Ja, ich habe das Gefühl, dass die so ein Bild von uns haben, dass wir, wenn wir in einen Laden gehen, unbedingt was klauen würden. Das ist aber nicht so. Ich kann ja nur von mir sprechen, weil ich nicht so bin. Und auch meine Freunde, da ist keiner, wo ich denke, der würde so was machen. Ob sie mit einem schlechte Erfahrungen gemacht haben? Bestimmt sind es aber auch Deutsche, die was mitgenommen haben. Ich weiß es ja nicht, ich vermute das ja nur.

RAFAEL: In meiner Klasse gab es zumindest damals deutsche Leute, die immer was mitgehen lassen haben.
RASHID: Ja klar, solche Leute gibt es überall. Es ist ja nicht so, dass sie, weil sie aus westlichen Ländern kommen, nichts mitgehen lassen. Und unsere Eltern haben uns nicht so erzogen, und ich würde das auch nie machen. Und ich hab auch von meinen deutschen Freunden schon mal gehört, dass sie in einem Laden was in ihre Tasche gesteckt haben und in einem anderen Laden auch. Und dann sage ich ja trotzdem nicht, dass alle Deutschen klauen.
RAFAEL: Beschäftigt dich so was dann immer lange?
RASHID: Natürlich, das sind solche Sachen, wo man sich auch im Nachhinein viele Gedanken macht, und sich fragt: Warum verstehen die Leute das nicht? Dass man nicht freiwillig da ist. Dass man genauso wie sie ist. Dass wir in unserer Heimat genauso ein schönes Leben gehabt haben, auch schöner als das was ich hier jetzt lebe. Mit der Familie und allem. Da kommen tausende Gedanken, und man sagt sich: „Warum mache ich denn das, was ich gerade mache?“ Manchmal denke ich auch: „Ich bin ja da und will was lernen. Aber warum lerne ich denn, wenn die Leute mich so behandeln? Werde ich morgen auf dem Arbeitsmarkt auch so behandelt, auch so gesehen als Bürger zweiter Klasse oder dritter Klasse? Wie geht denn das weiter?“ Mit solchen Gedanken muss ich leider auch manchmal kämpfen.
In großen Städten passiert vielleicht mehr, aber die Leute sind irgendwie anders drauf. Zum Beispiel in Erfurt, wenn man rumläuft oder in Läden geht, wird man nicht unbedingt beobachtet. In Suhl ist es auch manchmal so, wenn man in den Bus einsteigt, wird man angeguckt von den anderen Menschen, die schon im Bus sitzen. Vor allem wenn man oben auf dem Friedberg einsteigt, wo das Camp ist, die Erstaufnahme. Da wird man so richtig angeschaut. Die denken, dass wir dort oben leben auf dem Friedberg und dass wir irgendwie anders sind. Oder wenn wir als dunkelhaarige Menschen in den Bus einsteigen, werden wir richtig beobachtet. Wo ich mir denke: „Ey, Leute. Was guckt ihr denn alle?“ Und was auch krass ist, letzte Woche wurde ein Schwarzer Mitbürger so richtig von drei Nazis angegriffen im Bus. Und bevor es diesen Angriff gab, gab es auch rassistische Sprüche, wie das N*-Wort. Warum haben sich die anderen Fahrgäste nicht beteiligt, warum haben sie nicht gesagt: „Das ist rassistisch! Warum macht ihr das? Der ist auch nur ein Mensch. Der hat halt eine andere Hautfarbe, das ist ja aber egal.“ Es hat sich aber scheinbar keiner beteiligt, wie ich im Internet gelesen habe. Keiner hat sich beteiligt oder die Polizei angerufen und gesagt: „Hier sind drei Nazis, die beleidigen einen jungen Mann die ganze Zeit.“ Man weiß ja auch nicht, vielleicht kam der junge Mann von der Arbeit oder so, und wird auf einmal beleidigt, weil er anders aussieht. Und wird auch wirklich schwer verletzt.
RAFAEL: Ich fand auch noch krass, dass es dann gar nicht in der Polizeimeldung stand. Sondern die Polizei hat dann geschrieben, es wäre ein Streit um seinen Mundschutz gewesen.
RASHID: Ah ja, um den Mundschutz, und dann mit der Flasche auf den Kopf hauen. Ich würde sagen, wenn ein Ausländer das mit einem Deutschen gemacht hätte, dann wären gleich fünf bis sieben Fahrzeuge von der Polizei vor Ort gewesen und hätten ihn mitgenommen. Und es wäre schon viel früher die Polizei angerufen worden. Entweder vom Busfahrer oder von Fahrgästen.
Es ist auch manchmal so, wenn man in solchen Situationen als Ausländer die Polizei anruft, und hat vielleicht nicht so gute Deutschkenntnisse, wird man vielleicht auch zum Beschuldigten. Ich hab es ja noch nie probiert, aber ich glaube, wenn ich die Polizei anrufen würde, dann wäre ich gleich der Böse. Wenn ich zum Beispiel im Laden sage: „Ich will meine Tasche nicht aufmachen, rufen Sie die Polizei.“ Oder: „Warum beobachten Sie mich?“. Oder laut werde. Wenn die Polizei kommt, dann wäre ich der Böse, obwohl das auch eine Verletzung ist, wenn man sich immer beobachtet fühlt. Das will ja auch ein anderer nicht, das wollen auch die Deutschen nicht, dass sie die ganze Zeit beobachtet werden.
RAFAEL: Aber fühlst du dich sonst sicher, beim Rumlaufen oder Busfahren?

RASHID: Ja, in Suhl fühl ich mich eigentlich schon sicher. Ich hab auch mit keinem Probleme. Was heißt Probleme. Ich bin jemand, der sein Ding macht. Warum sollte ich mit anderen Probleme haben. Natürlich hört man auch manchmal Sprüche. Anfang 2016 war ich mal mit meinem Cousin, mit dem ich hier hergekommen bin, beim Kaufland. Als wir raus kamen, standen ein paar Männer da herum, haben ihr Bier getrunken und uns hinterher gerufen: „Ja, ihr Flüchtlinge kommt hier her und nehmt Hartz IV und macht nix.“ Wo ich mir dachte: „Und was machst du denn hier? Du bist gesund und stehst hier rum und trinkst Bier und beleidigst andere Leute?“ Naja, das sind halt solche Menschen. Auch bei Facebook wird manchmal so was in der Suhler Gruppe gepostet: „Seht mal die Flüchtlinge, was die machen.“ Das wird immer diskutiert, und es gibt hunderte Kommentare. Natürlich sind nicht alle negativ, es sind auch positive dabei. Aber wenn man die negativen liest … Man kann echt nicht sagen, dass alle Flüchtlinge die hier hergekommen sind kriminell wären, oder dass alle einfach hier zum Hartz IV empfangen da sind und nicht arbeiten wollen. Ich denke mir, seitdem ich da bin, hab ich noch nie einen Tag rum gesessen und mir gesagt: ich werde nichts machen. Seitdem ich hier bin, war ich in der neunten Klasse, dann in der zehnten Klasse, dann zwei Jahre Kinderpfleger und jetzt Erzieher. Und in meinem Freundeskreis, das sind meistens auch meine Landsleute, machen neunzig Prozent irgendwas – entweder sie arbeiten oder gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung oder sonst irgendwas. Die, die auch nicht zur Schule gehen oder nicht zu Sprachkursen gehen oder keine Ausbildung machen, die arbeiten bei Zeitarbeitsfirmen. Haben sich irgendeinen Job gesucht und machen das. Und die anderen zehn Prozent haben entweder keine Chance oder haben die Voraussetzungen nicht erfüllt um was zu machen, oder manche können das nicht wegen Krankheiten oder ähnlichem. Bei vielen hat es beim ersten Mal nicht geklappt, die müssen dann ein Jahr aussetzen, müssen was nachholen. Müssen irgendwas machen, bis sie den entsprechenden Abschluss haben, um was anzufangen. Die Flüchtlinge, die zur Zeit Hartz-IV-Empfänger sind, können ja nicht arbeiten. Ein Freund von mir hat Sprachkurse gemacht und alles und wollte auch letztes Jahr seine Ausbildung beginnen. Aber aufgrund fehlender Kenntnisse wurde ihm gesagt, er müsse noch warten bis nächstes Jahr. Vorher hat er schon auf seine Zeugnisse warten müssen, bis die gekommen sind. Natürlich gibt es auch Leute, die rum sitzen und nichts machen wollen. Aber das sind die wenigsten. Und manche können auch nichts machen, weil sie mit der Sprache nicht klar kommen. Sie haben was erlebt, was sie die ganze Zeit beschäftigt, so dass sie nicht die Sprache lernen können. Da sind Leute, die aus Kriegsgebieten kommen, die was erlebt haben, was sich die Leute hier gar nicht vorstellen können. Natürlich will auch kein deutsches Kind – und die Eltern würden es auch nicht erlauben – auf ein Boot gehen, mit vierzig Leuten über das Meer in ein anderes Land gehen, ohne Sicherheitsmaßnahmen. Einfach auf ein Boot steigen, und man weiß nicht, ob man ankommt oder nicht. Man steigt ein, und einer fährt, und der ist auch kein Profi, sondern einfach einer der mit kommen will. Bei mir war es so: Als wir ins Boot eingestiegen sind, wurde gesagt, das würde maximal 45 Minuten dauern, normalerweise 30 Minuten. Aber nach vier Stunden im Boot waren wir immer noch nicht an unserem Ziel angekommen und mussten in so einem Waldstück aussteigen. Das war eine griechische Insel, im Wald sind wir ausgestiegen, sind wieder vier Stunden gelaufen, bis wir in der Stadt angekommen sind. Quasi acht Stunden statt 45 Minuten. Das sind ja solche Sachen, mit denen man umgehen muss. Wir sind viel gelaufen, Fahrrad gefahren. Und das waren nicht die sichersten Schritte, die wir gemacht haben. Und alle anderen wussten auch nicht, ob sie ankommen. Aber sie waren gezwungen. Wurden nicht gezwungen, aber waren gezwungen, weil sie keine andere Chance hatten. Wenn die Wohnung weg ist, und alles weg ist was man sich jahrelang aufgebaut hat, oder was die Eltern jahrelang aufgebaut haben. Und den Kindern nichts davon übrig geblieben ist und auch kein sicheres Leben da ist, was sollen sie denn machen? Keiner wird sagen, ich bin freiwillig hier hergekommen, über diesen Weg den wir her gekommen sind.

Und wenn man hier irgendwas macht und sich durch kämpft, wenn ich später hier bleiben werde und hier mein Leben aufbauen werde, ist das natürlich auch was wichtiges für Deutschland, was wir hier tun. Natürlich auch für uns, für denjenigen selbst an erster Stelle, aber auch für die anderen.
RAFAEL: Und hast du den Eindruck, das sehen die Leute gar nicht?
RASHID: Ich hab ja bisher nur die negativen Sachen gesagt, natürlich gibt es auch Positives in Suhl. Ich kenne viele hier in Suhl, die positiv sind, alle lieb und nett sind. Ich hab auch in Suhl einen Minijob nebenbei gemacht, da waren die Mitarbeiter super lieb und nett. Einer hat mich sogar zu Weihnachten zu sich nach Hause eingeladen. Und sie haben gesagt: „Ja, das ist manchmal so, aber wir sind nicht alle so.“ Und das ist auch so, das sind nur die wenigsten die so negativ sind. Entweder haben sie nie so richtig gehört, warum wir da sind, oder warum reagieren sie einfach so? Es gibt natürlich viel mehr positive Menschen und Sachen, die ich hier in Suhl erlebt habe. Es gibt auch viele nette Menschen hier, die Hilfe anbieten, wenn man welche braucht. Auch durch meine Ausbildung benötige ich ab und zu Hilfe, wenn ich mal einen Praktikumshefter anfertigen muss oder als ich eine Belegarbeit geschrieben habe. Da habe ich auch Unterstützung von netten Menschen bekommen, die mir dabei geholfen haben, das sprachlich gut abzugeben. Die sozialen Menschen, die guten Menschen sind natürlich viel mehr als die negativen, rassistischen Menschen in Suhl. Aber da unser Thema Diskriminierung ist, habe ich so viel von diesen Dingen erzählt. Und die wenigen negativen Erlebnisse haben auch eine große Auswirkung auf das Leben.
RAFAEL: Ich wollte noch fragen; du hast ja eine eigene Wohnung, oder? War das einfach, die zu finden?
RASHID: Seit über zwei Jahren hab ich eine eigene Wohnung. Vorher hab ich wie gesagt in Jugendwohngruppen gewohnt, da gibt es verschiedene hier in Suhl. Und jein, das war nicht so ganz einfach. Ich hab mich überall gemeldet und so, aber das hat eine Weile gedauert. Einmal hat es nicht geklappt wegen dem BAföG, das hat nicht ausgereicht als Einkommen für eine eigene Wohnung und die Schule. Die Schule, die ich besuche, ist auch eine private Fachschule, die muss man auch zahlen. Aber letztendlich haben wir eine „Jugendwohnung“ gefunden, wo das auch preislich gut gepasst hat, dass ich auch mit BAföG klar komme.
RAFAEL: Und wie ist es im Haus mit den Nachbar*innen?
RASHID: Ja, bis jetzt ist es gut. Meine Nachbarn sind eigentlich alle gut. Es gibt natürlich auch Nachbarn, wo man „Guten Tag“ sagt, und sie sich einfach umdrehen und gar nichts sagen. Mit denen hab ich auch nicht so viel zu tun, aber so ein „Guten Tag“ würde auch nicht schaden. Naja, dann ist es halt so. Dann drehe ich mich auch rum. Aber ansonsten sind alle gut. Außerdem bin ich ja eigentlich alleine da und bin tagsüber in der Schule. Wenn ich nach Hause komme wird was gekocht, gegessen, für den nächsten Tag in der Schule vorbereitet, Hausaufgaben gemacht. Dann geh ich wieder schlafen.
RAFAEL: Und du meintest, du hast auch deutsche Freunde?
RASHID: Ja, die hab ich auch. In der Schule hab ich Freunde, aber die kommen halt nicht zu mir, weil es sind halt Mädels, und die haben auch alle was zu tun. Also in meiner Ausbildung, die ich gerade mache, sind wir in der Klasse zurzeit achtzehn, und ich bin davon der einzige Mann. Manche arbeiten nach der Schule, einige haben Kinder. Deswegen treffe ich mich in meiner Freizeit meistens mit Landsleuten. Hier in Suhl kann man ja auch nicht so viel unternehmen. Einige Sachen kann man machen, aber so viel nicht. Wenn wir frei haben, besuchen wir uns eben gegenseitig. Aber in der Lautenbergschule wo ich zuerst war, da hatte ich auch Freunde, die in meinem Alter waren oder ein bisschen jünger als ich. Nach der Schule haben wir uns getroffen, sind in der Stadt rum gelaufen. Damals war ich auch in der Jugendwohngruppe und hab dort auch ein paar mal Besuch bekommen von ihnen.

Aber jetzt ist jeder irgendwo und macht irgendwas, verschiedene Ausbildungen oder Studium oder irgendwas. Jetzt ist es ein bisschen anders.
RAFAEL: Wie war das allgemein auf der Schule?
RASHID: Die ersten zwei Jahre waren für mich schwierig, weil ich bin ja mit 17 gekommen und hab gleich die neunte Klasse angefangen. Und ich war der Älteste in der Klasse, meine Freunde waren 15, manche auch 14. Und ich konnte gar kein Wort in Deutsch außer „Guten Tag“ und „Hallo“ und solche Grundkenntnisse. Ich wurde wirklich ins kalte Wasser geschmissen. Ich bin 2015 am 15.7. in der Jugendunterkunft angekommen und im August hat die Schule hat begonnen. Das fand ich auch gut, dass ich gleich dort war, auch wenn ich die Sprache nicht konnte. Weil ich war überwiegend mit deutschen Kindern in der Schule, musste die ganze Zeit Deutsch hören. Und wenn man irgendwas sagen möchte, muss man sich zusammenreißen und irgendwie versuchen, das zu erklären. Man hat ja keine andere Chance, dass jemand das übersetzen könnte oder einen jemand in einer anderen Sprache verstehen könnte. Und meine Klassenlehrerin war auch eine wirklich super liebe nette Frau, eine gute Lehrerin. Bis jetzt hab ich ab und zu Kontakt, wir treffen uns ab und zu. Es war also wirklich cool. Aber es war auch schwierig für mich, auch sich mit den anderen Kindern zu befreunden hat ein bisschen gedauert. Ich wusste nicht: wenn ich auf die zugehe und irgendwas sage, werde ich ausgelacht? Vielleicht sage ich irgendwas falsches, vielleicht verstehen sie mich nicht? Am Anfang war es echt schwierig. Aber nach zwei Jahren hatte ich mittlerweile Freunde. Ich hab auch in der Schule keine rassistische Sachen erlebt. So was hab ich nicht mitbekommen, dass ich irgendwie benachteiligt worden wäre oder anders behandelt. Ich wurde von jedem akzeptiert, von allen Lehrern und Schülern in meiner Klasse. Das war eigentlich eine gute Zeit. Und auch in der Kinderpflege-Schule waren alle Lehrer super nett und lieb, und die Schüler genauso.
RAFAEL: Was hast du für Wünsche? Wenn du was erzählen willst.
RASHID: Ja, auf jeden Fall. Ich hab zwei Brüder und zwei Schwestern und Mama und Papa und bis letztes Jahr waren wir in drei Ländern verteilt. Eine kleine Familie – also in Deutschland eine große Familie. Sieben Leute in einer Familie auf drei Länder verteilt, und können sich nicht treffen und besuchen, nur über Messenger kommunizieren. Ich hab über sechs Jahre meine Eltern nicht gesehen, die würde ich gerne sehen. Meine Brüder hab ich auch erst letztes Jahr gesehen, die zwei sind mittlerweile hier. Aber wir sind trotzdem eine Familie in zwei Ländern. Meine Eltern sind noch mit meinen Schwestern in Syrien, und ich mit meinen Brüdern hier. Ein Traum ist, bald meine Familie zu sehen, entweder hier, oder wenigstens zu Besuch. Das geht ja auch nicht, dass man die besuchen kann. Sechs Jahre ohne Eltern zu leben ist nicht das beste, was sich jemand wünscht. Als 17-jähriger ohne Eltern zum ersten mal ist natürlich auch hart. Hier ankommen und neue Sprache, neue Menschen, neue Kultur, neues Leben. Alles von Null zu beginnen ist auch nicht einfach. Was man hier aufgebaut hat, mit solchen Sprüchen noch mal kaputt zu machen … Also die können das nicht kaputt machen, aber das stört einen ja trotzdem. Du machst hier was und machst dein Ding, und dann kommen solche Leute, es werden Vorwürfe gemacht, du wirst beobachtet aufgrund deiner Hautfarbe, aufgrund deines Aussehens. Wenn die Leute nochmal drüber nachdenken, wie sie sich an unserer Stelle fühlen würden – wenn sie die ganze Zeit von Mitarbeitern beobachtet würden, wie hätten sie sich denn gefühlt? Das will ja sicher keiner.
Aber ich wünsche mir, dass meine Familie her käme, und wir endlich mal zusammenleben könnten irgendwann. Vor allem dass die zwei kleinen Schwestern dann auch was aus ihrem Leben machen können. Die sind gerade 10 und 11, und können auch nichts dafür, dass es so ist. Sie haben noch nichts gesehen. Haben keine Schule besucht. Haben vier mal die erste Klasse anfangen müssen. Dass die dann auch irgendwas aus sich machen! Ein besseres Leben haben, Bildung haben, ein sicheres Leben haben – es geht ja nicht nur um Geld.

RASHID: Ja, in Suhl fühl ich mich eigentlich schon sicher. Ich hab auch mit keinem Probleme. Was heißt Probleme. Ich bin jemand, der sein Ding macht. Warum sollte ich mit anderen Probleme haben. Natürlich hört man auch manchmal Sprüche. Anfang 2016 war ich mal mit meinem Cousin, mit dem ich hier hergekommen bin, beim Kaufland. Als wir raus kamen, standen ein paar Männer da herum, haben ihr Bier getrunken und uns hinterher gerufen: „Ja, ihr Flüchtlinge kommt hier her und nehmt Hartz IV und macht nix.“ Wo ich mir dachte: „Und was machst du denn hier? Du bist gesund und stehst hier rum und trinkst Bier und beleidigst andere Leute?“ Naja, das sind halt solche Menschen. Auch bei Facebook wird manchmal so was in der Suhler Gruppe gepostet: „Seht mal die Flüchtlinge, was die machen.“ Das wird immer diskutiert, und es gibt hunderte Kommentare. Natürlich sind nicht alle negativ, es sind auch positive dabei. Aber wenn man die negativen liest … Man kann echt nicht sagen, dass alle Flüchtlinge die hier hergekommen sind kriminell wären, oder dass alle einfach hier zum Hartz IV empfangen da sind und nicht arbeiten wollen. Ich denke mir, seitdem ich da bin, hab ich noch nie einen Tag rum gesessen und mir gesagt: ich werde nichts machen. Seitdem ich hier bin, war ich in der neunten Klasse, dann in der zehnten Klasse, dann zwei Jahre Kinderpfleger und jetzt Erzieher. Und in meinem Freundeskreis, das sind meistens auch meine Landsleute, machen neunzig Prozent irgendwas – entweder sie arbeiten oder gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung oder sonst irgendwas. Die, die auch nicht zur Schule gehen oder nicht zu Sprachkursen gehen oder keine Ausbildung machen, die arbeiten bei Zeitarbeitsfirmen. Haben sich irgendeinen Job gesucht und machen das. Und die anderen zehn Prozent haben entweder keine Chance oder haben die Voraussetzungen nicht erfüllt um was zu machen, oder manche können das nicht wegen Krankheiten oder ähnlichem. Bei vielen hat es beim ersten Mal nicht geklappt, die müssen dann ein Jahr aussetzen, müssen was nachholen. Müssen irgendwas machen, bis sie den entsprechenden Abschluss haben, um was anzufangen. Die Flüchtlinge, die zur Zeit Hartz-IV-Empfänger sind, können ja nicht arbeiten. Ein Freund von mir hat Sprachkurse gemacht und alles und wollte auch letztes Jahr seine Ausbildung beginnen. Aber aufgrund fehlender Kenntnisse wurde ihm gesagt, er müsse noch warten bis nächstes Jahr. Vorher hat er schon auf seine Zeugnisse warten müssen, bis die gekommen sind. Natürlich gibt es auch Leute, die rum sitzen und nichts machen wollen. Aber das sind die wenigsten. Und manche können auch nichts machen, weil sie mit der Sprache nicht klar kommen. Sie haben was erlebt, was sie die ganze Zeit beschäftigt, so dass sie nicht die Sprache lernen können. Da sind Leute, die aus Kriegsgebieten kommen, die was erlebt haben, was sich die Leute hier gar nicht vorstellen können. Natürlich will auch kein deutsches Kind – und die Eltern würden es auch nicht erlauben – auf ein Boot gehen, mit vierzig Leuten über das Meer in ein anderes Land gehen, ohne Sicherheitsmaßnahmen. Einfach auf ein Boot steigen, und man weiß nicht, ob man ankommt oder nicht. Man steigt ein, und einer fährt, und der ist auch kein Profi, sondern einfach einer der mit kommen will. Bei mir war es so: Als wir ins Boot eingestiegen sind, wurde gesagt, das würde maximal 45 Minuten dauern, normalerweise 30 Minuten. Aber nach vier Stunden im Boot waren wir immer noch nicht an unserem Ziel angekommen und mussten in so einem Waldstück aussteigen. Das war eine griechische Insel, im Wald sind wir ausgestiegen, sind wieder vier Stunden gelaufen, bis wir in der Stadt angekommen sind. Quasi acht Stunden statt 45 Minuten. Das sind ja solche Sachen, mit denen man umgehen muss. Wir sind viel gelaufen, Fahrrad gefahren. Und das waren nicht die sichersten Schritte, die wir gemacht haben. Und alle anderen wussten auch nicht, ob sie ankommen. Aber sie waren gezwungen. Wurden nicht gezwungen, aber waren gezwungen, weil sie keine andere Chance hatten. Wenn die Wohnung weg ist, und alles weg ist was man sich jahrelang aufgebaut hat, oder was die Eltern jahrelang aufgebaut haben. Und den Kindern nichts davon übrig geblieben ist und auch kein sicheres Leben da ist, was sollen sie denn machen? Keiner wird sagen, ich bin freiwillig hier hergekommen, über diesen Weg den wir her gekommen sind. Und wenn man hier irgendwas macht und sich durch

Wenn man sicher ist und mit der Familie ist, das ist das größte Glück und der größte Schatz, den man haben kann.
Und mein Traum ist auch, meine Ausbildung zu absolvieren und vielleicht auch mit Fachhochschulreife, damit ich später auch mal studieren kann, wenn ich das will. Aber erst mal wünsche ich mir, die Ausbildung zu beenden. Und dass ich dann eine gute Arbeitsstelle bekomme, wo ich auch mein gutes Geld verdienen kann, und auch anderen Leuten helfen kann. Das ist auch so ein Beruf, wo ich wieder zurück geben will. Ich war ja als Minderjähriger hier und hab auch viel Unterstützung bekommen, wurde von vielen Erziehern betreut. Ohne die wären wir auch nicht hier, wo wir jetzt sind, uns wurde viel geholfen. Und ich möchte das dann auch irgendwie zurückgeben und vielleicht auch mehr geben, was ich kann. Anderen helfen und sie unterstützen, dass sie dann auch ein besseres Leben haben. Weil nicht jedem, der in Deutschland ist, geht es gut, oder der ist glücklich. Es gibt in Familien immer Probleme. Immer Kinder, die leider betroffen sind und noch mal auf Unterstützung von anderen angewiesen sind. Und ich bin ja auch mehrsprachig, und könnte auch in einer Einrichtung arbeiten, wo Kinder mit Migrationshintergrund sind, und die unterstützen in allen Bereichen, die ich kann und noch lernen werde. Damit die das beste aus ihrem Leben machen, so wie wir unterstützt wurden.
Ich möchte auch jedem der in seinem Leben noch was anfangen möchte raten, nicht auf solche negativen Argumente und Menschen zu hören. Macht eure Sachen und ihr werdet das schaffen. Die Positiven sind viel viel mehr als die Negativen – Menschen und Argumente. Wenn man sich irgendwas vor nimmt und erreichen will, dann erreicht man das auch. Wenn man Unterstützung und Hilfe sucht, dann findet man auch gute Menschen, die einem helfen. Also einfach dran bleiben, machen was man will. Und immer positiv denken. Versuche, das Negative in Positives zu verwandeln. In der Erzieher-Ausbildung wird gesagt: „Töte denjenigen mit einem Lächeln.“ Hat jemand dich beleidigt, einfach ihm ins Gesicht lächeln und denjenigen lassen. Lass den mal sagen, was er alles drauf hat als Beleidigung. Der wird auch nicht viel damit erreichen.

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