{"id":2901,"date":"2022-10-07T16:04:04","date_gmt":"2022-10-07T14:04:04","guid":{"rendered":"https:\/\/unofficial.pictures\/?page_id=2901"},"modified":"2022-10-07T16:04:04","modified_gmt":"2022-10-07T14:04:04","slug":"klaus-sachse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/geboren-gekommen-geblieben\/klaus-sachse\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Klaus Sachse"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-tr\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/unofficial.pictures\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2901\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"Deutsch\">Deutsch<\/a>.<\/p><div class=\"wpb-content-wrapper\">[mk_page_section padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;200&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_column_text align=&#8221;right&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151181916{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]\n<p class=\"a_font-22\"><strong>Klaus Sachse<\/strong><\/p>\n<p class=\"a_font-22\">Klaus Sachse, geboren 1932, ist Rentner<br \/>\nund war von 1990 bis 2019 im Stadtrat<\/p>\n[\/vc_column_text][vc_btn title=&#8221;zur\u00fcck zur \u00dcbersicht&#8221; style=&#8221;classic&#8221; shape=&#8221;square&#8221; color=&#8221;default&#8221; align=&#8221;right&#8221; link=&#8221;url:https%3A%2F%2Funofficial.pictures%2Fgeboren-gekommen-geblieben%2F|title:%5B%3Ade%5DPortraits%20einer%20diversen%20Stadt%3A%20%E2%80%9Egeboren%2C%20gekommen%2C%20geblieben%E2%80%9C%5B%3A%5D&#8221; el_class=&#8221;button-back-to-the-exhibition&#8221;][\/vc_column][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;100&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_single_image image=&#8221;2902&#8243; img_size=&#8221;400&#215;600&#8243; alignment=&#8221;right&#8221;][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][mk_padding_divider size=&#8221;80&#8243;][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151199086{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]FRIEDER: Sind Sie hier geboren?<\/p>\n<p>KLAUS: Nein, ich bin in Altenburg in der Schm\u00f6llnsche Stra\u00dfe 29 geboren. Das Haus steht sogar noch.<\/p>\n<p>SANDRA: Eine Hausgeburt also? Wann war das?<\/p>\n<p>KLAUS: Das war 1932. Ich bin dieses Jahr 90 Jahre alt geworden.<\/p>\n<p>Mein Vater hat in der Braunkohle gearbeitet. Meine Eltern und Urgro\u00dfeltern haben in Altenburg eine B\u00f6ttcherei betrieben. Die waren Handwerksmeister. Dann kam sp\u00e4ter die Metallindustrie und damit verzinkte Wannen auf und man kaufte lieber so etwas. Holzwannen konnten dann, bei der Haltbarkeit, nicht mehr mithalten. Mein Vater hat gesagt, dass er das nicht mitmacht. Er war im Ersten Weltkrieg und hat in Frankreich gesehen, dass die Zinkindustrie weiter war als in Deutschland. In Unehren meines Gro\u00dfvaters ist er dann in die Braunkohle gegangen. Da wurde er dann, von der Hauptverwaltung, nach Borna versetzt. 1937 sind wir dann dort in die Rosengasse gezogen, in eine richtig gute Wohnung mit Parkett.<\/p>\n<p>SANDRA: Wo war die Rosengasse?<\/p>\n<p>KLAUS: In der Grimmaer Stra\u00dfe, wenn Sie die Leipziger Stra\u00dfe herunterfahren zum Amtsgericht, da geht es rechts rein, bei der W\u00e4scherei Volkert.<\/p>\n<p>SANDRA: Da sind sch\u00f6ne H\u00e4user.<\/p>\n<p>KLAUS: Das war ein wunderbares Geb\u00e4ude. Wir hatten sogar ein Bad mit Badeofen. Da bin ich dann ab 1938 in die Schule gegangen. Sp\u00e4ter war ich im Gymnasium. Danach habe ich studiert. Erst einen Beruf gelernt und dann studiert als Bauingenieur. Ich war vier Jahre in der Projektierung im Entwurfsb\u00fcro f\u00fcr Hochbau Leipzig neben der Leipziger Thomaskirche t\u00e4tig. Im Studium wurde festgelegt, wo ich danach zum Arbeiten hingehen sollte. Da bin ich jeden Tag nach Leipzig gefahren. Damals hatte man kein Auto. Da bin ich fr\u00fch um sechs mit dem Zug gefahren. Der Schichtzug war meistens voll, wegen der ganzen Schichtarbeiter, die in B\u00f6hlen arbeiteten. In B\u00f6hlen wurde der Zug leer, bis zum Hauptbahnhof. Von da aus bin ich zur Thomaskirche gegangen. Abends bin ich dann vom Bayrischen Bahnhof aus zur\u00fcck. Das habe ich jahrelang so gemacht. Danach wurde ich angerufen, nach viereinhalb Jahren, weil Arbeitskr\u00e4fte gesucht wurden, da in Borna die Kreisbau\u00e4mter aufgebaut wurden. Das waren von der Rosengasse drei Minuten zu Fu\u00df zu laufen und da bekam ich auch mehr Geld. Da war ich dann bis zur Wende besch\u00e4ftigt. Ich war in der staatlichen Bauaufsicht und habe die ganzen Bauten kontrolliert. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151212770{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]Nach der Wende war ich dann im Bauordnungsamt beim Landkreis eingestellt. Seit 1980 war ich dann beim Ministerium f\u00fcr Bauwesen. Einmal sollte etwas weggerissen werden und ein Kaufhaus gebaut werden. Da habe ich mich mit Leuten von der IZ B\u00f6hlen zusammengetan und ein Gegengutachten ausgearbeitet. Weil ich nicht mehr zum Rat des Kreises geh\u00f6rte, konnte ich mich durchsetzen und die Abbruchgenehmigung wurden abgelehnt. Da war ich von der Wende bis zur Rente beim Bauordnungsamt. Das wurde immer gr\u00f6\u00dfer und es wurden immer mehr Leute angestellt. Das Amt ist heute in Grimma.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrokratie hat kein Ende heutzutage. Fr\u00fcher war es einfacher, wir haben da nicht so viel Ru\u00df drum gemacht. Wenn etwas in Ordnung war, wurde es genehmigt, ohne die gro\u00dfen Forderungen, die heute gestellt werden. Was der Denkmalschutz alles f\u00fcr Forderungen stellt. Da wird viel auf Kleinigkeiten geachtet.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wie war es in der DDR im Bau zu arbeiten, mit dem Mangel an Baustoffen?<\/p>\n<p>KLAUS: Der Mangel musste verwaltet werden. Da gab es einen, der machte die Jahresversorgung. Der entschied anhand der Unterlagen, was ich brauchte und ob ich es kriegte. Wie ich was kriegen sollte und wie viel. Nach der Wende kam heraus, dass er auch nur f\u00fcr Geld gearbeitet hat. Die LPGs hatten damals Geld und konnten es bezahlen, wenn er etwas gefordert hat. Dann hat er sich bezahlen lassen. Das h\u00e4tte ich nie gedacht. Nebenbei war er Parteisekret\u00e4r beim Kreisbauamt. Solche Leute arbeiten nur zu ihrem Vorteil.<\/p>\n<p>SANDRA: Wie alt ist Ihr Haus?<\/p>\n<p>KLAUS: Ich habe es 1960, zu DDR-Zeiten, gebaut. In schlechten Zeiten, als es nichts gab. Wo es keine Maschinen gab, als wir alles per Hand gemacht haben. Es gab keinen Mischer, kein Nichts.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wie lange haben Sie gebaut?<\/p>\n<p>KLAUS: Eineinhalb Jahre.<\/p>\n<p>FRIEDER: Nur so kurz?<\/p>\n<p>KLAUS: Vor dem Studium habe ich gelernt, wie das geht. Da konnte ich mir leisten, das so zu machen zu, wie ich das wollte.<\/p>\n<p>SANDRA: Es ist schon etwas, wenn man selber so viel irgendwo reinsteckt.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151228130{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]KLAUS: Da wei\u00df man genau, wo man Fehler gemacht hat und dass man es anders h\u00e4tte machen k\u00f6nnen. Das ist lange her.<\/p>\n<p>SANDRA: Was war denn vorher hier in der Gegend?<\/p>\n<p>KLAUS: Da war gar nichts. Der Herr Stiehl, von der Gastst\u00e4tte Stiehls, hat damals 1958 als erster hierhin gebaut. Der hatte hinten einen Garten. Sonst waren \u00fcberall Felder.<\/p>\n<p>SANDRA: In der Parallelstra\u00dfe, der Haubitzer, da standen schon H\u00e4user?<\/p>\n<p>KLAUS: Ja genau, die ist 1938 vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden. Hier hinten war gar nichts. Er fing an und dann wollten scheinbar mehrere Leute ein Grundst\u00fcck kaufen. Vom Bauamt wurde ein Bebauungsplan f\u00fcr die Grundst\u00fccke festgelegt. Da konnte man sich das noch aussuchen. Damals war Bauen noch preiswert. Wir haben 23 Pfennig f\u00fcr einen Quadratmeter bezahlt. Es war ein verschuldetes Land. Das war billig. Der H\u00f6chstpreis war drei Mark um die Zeit. Wenn ich sehe, was die heute verlangen, das kann sich keiner mehr leisten.<\/p>\n<p>SANDRA: Wann waren f\u00fcr Sie die guten Zeiten?<\/p>\n<p>KLAUS: Die waren so zehn Jahre nach der Wende. Arbeit gab es genug und gibt es heute auch noch. Nach der Wende war es so, dass viele hier in der Region arbeitslos waren. Die Braunkohle ist vollkommen den Bach runtergegangen und dadurch gab es massenhaft Arbeitslose. Die haben dann versucht sich im westlichen Teil des Landes Arbeit zu suchen. Was, wussten sie auch nicht. Die von der ABM haben hier den Park neu gemacht und B\u00e4ume gepflanzt, nur damit Leute besch\u00e4ftigt waren. Das ist vorbei. Heute werden Arbeitskr\u00e4fte gesucht und es gibt keine.<\/p>\n<p>SANDRA: Sie haben ja auch in Borna den Krieg miterlebt, oder?<\/p>\n<p>KLAUS: Da ich im Gymnasium war, musste ich in die Hitler-Jugend. Da wurde ge\u00fcbt und marschiert. Es gab Bombenangriffe und wir mussten, in der Rosengasse, in den Keller. Wir standen oft vor der Haust\u00fcr und haben die Kondensstreifen der Bomber angeguckt. Hier in Borna wurden bis 1945 keine Bomben abgeworfen. Wenn, dann waren das Flugzeuge, die auf dem R\u00fcckflug waren und ihre restlichen Bomben abgeworfen haben. In Borna West habe ich 1945 meinen ersten Toten gesehen. Vormittags hauten die Bomben mitten ins Wohngebiet rein. Da hat es so viele H\u00e4user weggerissen. Das war am fr\u00fchen Morgen. Da wollte ich gucken, was los war. Da waren auch Kinder mit dabei, die am n\u00e4chsten Tag konfirmiert werden sollten. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151250672{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]Achtzehn oder neunzehn hat es erwischt. Durch den Luftdruck der Bombe hat es die Lungen zerrissen. Der Mensch h\u00e4lt das nicht aus, wenn so etwas passiert. Am 15. April 1945 kamen die Amerikaner. Erst die Schwarzen, dann die Wei\u00dfen hinterher, die sich hinter ersteren gesch\u00fctzt haben. Jeder musste Fotoapparate und Waffen abgeben.<\/p>\n<p>SANDRA: Warum die Fotoapparate?<\/p>\n<p>KLAUS: Die wollten nicht, dass ich sie fotografiere. Mein Vater hatte eine alte Blockkamera, die hatte noch keine Rollfilme. Die habe ich dahin geschafft und sie haben die nur auf einen Haufen geworfen. Die wollten Rollfilmkameras, Leicas und so. So etwas konnte sich damals nicht jeder leisten. Dann hauten die Amerikaner ab und die Russen kamen am dritten oder vierten Juli. Es klapperte und klapperte. Die kamen mit Pferden und W\u00e4gen. Sp\u00e4ter erst kamen die LKWs. Ich habe gesehen, wie sie jemandem das Fahrrad weggenommen haben. Da konnte man nichts machen, die hatten die Macht. Das war eine schlimme Zeit.<br \/>\nIch habe auch die Reichspogromnacht in Borna erlebt. Ich habe gesehen, wie sie einen Laden von einem Juden in der Kirchstra\u00dfe ausgeraubt haben. Sie haben die M\u00f6bel aufgeladen. Ich war mit meinem Bruder und meiner Mutter unterwegs. Da kamen wir, von der Teich- in die Kirchstra\u00dfe. Dort war die Polizei. Wir durften nicht stehenbleiben. Das Zeug wurde aus dem Laden herausgeholt. Abends wurde auch das Kaufhaus Britannia der Familie Rose angegriffen; erst gepl\u00fcndert, die Scheiben eingeschlagen und dann in Brand gesteckt. Mein Bruder und ich haben vom Fenster aus die Flammen gesehen. Die wollten das total abbrennen lassen. Der Fleischer hat sich dagegen gewehrt, weil er sein Gesch\u00e4ft daneben hatte. Der hat dann die Feuerwehr gerufen, damit seine Bude nicht mit weg brennt. Es wurde dann gel\u00f6scht, aber es war total ausgebrannt. Das Haus wurde danach wiederaufgebaut. Bis zum Kriegsanfang 1939 war es wieder fertig. Die Firma Marks hatte bis nach dem Krieg ein Herrenbekleidungsgesch\u00e4ft betrieben. Jetzt ist die CDU da drinnen. So war das. Ich habe viel miterlebt.<\/p>\n<p>1945, als der Krieg sich zugespitzt hat, wurden alle die mal im Ersten Weltkrieg waren, zum Volkssturm gebracht. Die sollten die Heimat verteidigen. Die wurden eingezogen und mein Vater wurde der Zugf\u00fchrer, weil er Unteroffizier im ersten Weltkrieg war. Die trafen sich einmal im Monat. 1945 im Fr\u00fchjahr sollte er bei der Flakstellung aushelfen. Es sprach sich herum, dass die schon in Altenburg waren. Da haben alle die Waffen hingeschmissen und sind heim gegangen. Sie haben aufgegeben, weil es sinnlos war. Was sollten den ein paar Einzelne gegen eine Armee ausrichten? Sonntagnachmittag am 15. April kam der Einzug der Amerikaner. Da haben wir raus geguckt, mussten aber weg vom Fenster. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151269768{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]Als die Russen dann da waren, im September, die Schule hatte noch nicht wieder angefangen, es war an einem Vormittag, mein Vater putzte im Treppenhaus Schuhe. Da kamen zwei im blauen Anzug mit roter Armbinde, von der kommunistischen Partei. Die wollten ihn mitnehmen zur Vernehmung. Er sollte gleich mitkommen, es war ganz wichtig. Danach habe ich ihn nicht wieder gesehen. Er wurde eingesperrt. Sp\u00e4ter kam eine Meldung, dass wir Schmuck und gute Sachen hinbringen sollten. Nach einem halben Jahr haben wir erfahren, als ein Brief rausgeschmuggelt wurde, dass sie in M\u00fchlberg an der Elbe waren, in einem ehemaligem KZ Lager. Dort wurden sie eingesperrt. Es waren f\u00fcnfzehn oder sechzehn Leute, alle die damals beim Volkssturm dabei waren. Dort ist er im Winter 1946 oder 1947 verreckt, an Hunger oder Erfrierung. Wir haben nie etwas geh\u00f6rt, bis in die 50er Jahre, als jemand der auch dort war, nach Westdeutschland entlassen wurde. Der dann eidesstattlich erkl\u00e4rt hat, dass mein Vater dort gestorben ist. Meine Mutter hat sich damals an die Regierung gewandt und musste ganz viel Arbeit reinstecken, damit wir eine Halbwaisenrente bekamen. Sie musste sofort wieder zu arbeiten anfangen, als mein Vater, als einziger Verdiener, weg war. Sie fing bei Konsum f\u00fcr 158 Mark im Monat an. Wir mussten sehen wo wir bleiben, wir haben uns dann mit Kartoffeln und Sirup kochen durch die ersten Jahre geschlagen.<br \/>\n1945, als die ersten aus dem KZ durch die Stra\u00dfen kamen, hat man die Holzlatschen klappern geh\u00f6rt. Die waren in Lumpen geh\u00fcllt. Sie wurden bewacht und Richtung Buchenwald gef\u00fchrt. Das war im Winter 1944\/1945.<\/p>\n<p>FRIEDER: Da waren sie so zw\u00f6lf, dreizehn Jahre alt?<\/p>\n<p>KLAUS: Ich war zw\u00f6lf Jahre alt. Da habe ich gesehen, was niemand sehen sollte. Hier in Borna wurde eine Polin aufgehangen, die ein Verh\u00e4ltnis mit einem Deutschen hatte. Der Tischlermeister musste einen Galgen bauen und hie\u00df danach nur noch Galgenbauer. Da wurden die ganzen ausl\u00e4ndischen Zwangsarbeiter hingeschafft und mussten zusehen. F\u00fcr die weitere Bev\u00f6lkerung war alles abgesperrt. Wir haben aber von Weitem zugesehen.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wann war das?<\/p>\n<p>KLAUS: Ich glaube das muss 1943 gewesen sein.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wurde der Mann nicht bestraft?<\/p>\n<p>KLAUS: Das wei\u00df ich nicht. Als ich auf dem Gymnasium war, mussten wir das Schwimmabzeichen machen. Da es in Borna keine Bademeister mehr gab, weil im Krieg alle eingezogen wurden, musste ich nach Altenburg fahren, weil da noch ein zugelassener Bademeister war. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151284157{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]Ich bin mit dem Zug hingefahren. Ich habe dort mein Schwimmabzeichen gemacht und bin mit dem Zug wieder heim gefahren. Als wir in den Bahnhof einfuhren, habe ich Flaks auf Wagons gesehen. Wir standen am Fenster und konnten zu gucken wie sie schossen. Die Amerikaner flogen so hoch, dass sie nie getroffen haben, aber sie haben trotzdem weiter geschossen, weil es ihnen befohlen wurde. Es war am 20. Juli 1944, an dem Tag, als auch das Attentat auf Hitler war.<br \/>\nIch hatte damals schon ein Fahrrad und bin damit zu meinem Onkel gefahren. Der war B\u00fcrgermeister in Meuselwitz und ein gro\u00dfer Nazi. Sp\u00e4ter war er Gauredner in Th\u00fcringen. Das war nach dem Attentat. Mein Vater meinte zu ihm, dass der Krieg schon so gut wie verloren sei. Mein Onkel wollte ihn anzeigen, weil er ein Verr\u00e4ter sei. Seine Frau hat eingegriffen und den Streit geschlichtet. Wir haben uns schnell die R\u00e4der geschnappt und sind nach Hause gefahren. Viele waren immer noch so vernarrt, selbst 1944, als der Krieg schon sichtbar zu Ende ging.<br \/>\nEs gab so viele Vernarrte. Im Au\u00dfenlager von Buchenwald in Fl\u00f6\u00dfberg mussten 1945 die beerdigten ungarischen Juden wieder ausgegraben werden. Das mussten die gro\u00dfen, strammen Nazis aus Borna machen. Hier in Borna wurden die Leichen, unter Aufsicht der Amerikaner, dann gewaschen, angezogen, in S\u00e4rge gelegt und hier begraben. Es war Pflicht, dass alle Bornaer B\u00fcrger da vorbeimarschieren mussten.<\/p>\n<p>SANDRA: Ich frage mich immer, wie sich das anf\u00fchlt, wenn so ein Umbruch kommt. Mit \u201edie Stunde null\u201c beschreibt man es nach dem Krieg. Man wacht fr\u00fch auf und alles ist anders. Zur Wende gab es das ja nochmal so.<\/p>\n<p>KLAUS: Mit der Wende war das anders. Ich war in Leipzig zu den Montagsdemos und habe es miterlebt. Das war anders. Den ersten Montag am 9. Oktober 1989 dachten alle, dass auf sie geschossen wird. Alle dachten, wenn sie wieder marschieren, dann passiert etwas. Es passierte aber gar nichts. Sie standen, mit Waffen nach unten gerichtet da und wir sind vorbeimarschiert. Nichts ist passiert. Es war eine friedliche Revolution, niemand h\u00e4tte das gedacht. Im Herbst war ich schon mal da. Mein Auto habe ich auf dem Augustusplatz, damals hie\u00df der Karl-Marx-Platz, geparkt und bin hingegangen. Niemand redete, es war Totenstille. Dann h\u00f6rte man Musik, von der Orgel in der Nikolai-Kirche. Das Tor ging auf und es kamen Leute raus, mit Transparenten in der Hand. Da war ich mit dabei. Wir gingen Richtung Hauptbahnhof. Ich bin sp\u00e4ter in die B\u00fcsche verschwunden und abgehauen. Das war mein erstes Erlebnis damit. Ich wollte sehen, was da los war. Es waren viele Leute. Da konnte noch keiner ahnen, dass die Wende so kam, wie sie gekommen ist. Die Demonstrationen wurden ja immer gr\u00f6\u00dfer, bis die von der Kampfgruppe gesagt haben, dass man da eingreifen muss. Es hat dann aber niemand eingegriffen. Wenn es zu einem Blutbad gekommen w\u00e4re, w\u00e4re es schrecklich geworden. Das h\u00e4tte ich nicht erleben m\u00f6gen. Da h\u00e4tte es bestimmt Tote gegeben.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151338220{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]FRIEDER: Kann man die Situationen nach dem Krieg und nach der Wende vergleichen?<\/p>\n<p>KLAUS: Nein, das war anders. Nach dem Krieg gab es Lebensmittelkarten. F\u00fcr alles gab es Karten. Du konntest nichts einkaufen. Kein paar Schuhe, nichts. Du warst nur berechtigt das zu kaufen, was auf der Karte stand und auch das ging manchmal nicht, wenn es nichts gab. Ich kann mich noch erinnern, dass meinem Bruder, meiner Mutter und mir 200 Gramm Brot pro Person zur Verf\u00fcgung standen. Das war kurz bevor die Amerikaner kamen. Sp\u00e4ter wurde es weniger. Da wurde das Brot aufgeteilt. Wir haben das mit der Briefwaage gemessen, damit niemand zu viel bekam. Es gab ja nichts. Marmelade wurde zugeteilt. 10 Gramm Fett bekam man am Tag.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wie lange war das mit Bezugsscheinen so?<\/p>\n<p>KLAUS: Bis 1958. Als ich beim Rat des Kreises im Bauamt in Borna angefangen habe, wurden mit den Lebensmittelkarten aufgeh\u00f6rt. Brot gab es da schon, aber f\u00fcr Engpassartikel wie Fleisch gab es noch Lebensmittelkarten. Inzwischen gab es die HO L\u00e4den, wo es Lebensmittel zu h\u00f6heren Preisen gab. Wer sich etwas Gutes leisten wollte, konnte es sich dort kaufen, aber es war sehr teuer.<\/p>\n<p>FRIEDER: Sie waren doch auch ganz lange im Stadtrat. Wann sind Sie da rein?<\/p>\n<p>KLAUS: Ich bin im M\u00e4rz 1990, zur ersten Wahl, in den Stadtrat gegangen. Ich habe die Ortsgruppe der SPD mit ein paar Menschen gegr\u00fcndet. Wir haben ins Gewerkschaftshaus eingeladen. Da kamen mindestens siebzig bis achtzig Leute. Es wollten nicht alle Mitglieder werden. Wir waren eine starke Ortsgruppe.<\/p>\n<p>SANDRA: Sind sie heute noch aktiv bei der SPD?<\/p>\n<p>KLAUS: Nein, ich bin vor zwei Jahren ausgetreten.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was war der Anlass?<\/p>\n<p>KLAUS: Der Vorsitzende unserer Partei hat nichts gemacht. Der ist heute Oberb\u00fcrgermeister in Borna, Oliver Urban. Alle die, die damals die Ortsgruppe gegr\u00fcndet haben, sind ausgetreten. Ich wollte, dass er mal wieder eine Versammlung der Ortsgruppe organisiert, aber das hat er nicht gemacht. Es w\u00e4re seine Aufgabe gewesen, seine Leute bei der Stange zu halten.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151331182{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Blicken sie eher pessimistisch oder optimistisch auf die Zukunft von Borna, wenn Urban im Rathaus sitzt?<\/p>\n<p>KLAUS: Ich habe ihn nicht unterst\u00fctzt. Ich habe Frau Luedtke unterst\u00fctzt und bin f\u00fcr sie auf dem Markt gestanden, denn die hat normalerweise ihre Arbeit gut gemacht. Es gab keine Probleme mit ihr. Der Stadtrat lief. Sie hat immer versucht, F\u00f6rdermittel heranzuholen. Urban kam zu mir an meinem Geburtstag und hat mir gratuliert. Ich habe mich bedankt, aber habe ihm auch gesagt, dass ich ihn nicht gew\u00e4hlt habe.<\/p>\n<p>SANDRA: Ist das jetzt ein pessimistischer oder ein optimistischer Blick in die Zukunft von Borna?<\/p>\n<p>KLAUS: Das kann man nicht sagen. Es kann auch gut gehen. Er \u00fcbernimmt eine Stadt, die einen Haushalt hat, der l\u00e4uft, die keine Schulden hat und die alle anstehenden Planungsvorhaben angefangen hat. So wie der Kindergarten, die Schule und so weiter. Es l\u00e4uft alles. Ich war etwas gegen ihn, weil er zu der Truppe von Schr\u00f6der und \u201cB\u00fcrger f\u00fcr Borna\u201c geh\u00f6rte. Er war damals einer derjenigen, die f\u00fcr den Abbruch des Freibads gestimmt haben. Das war so ein Bl\u00f6dsinn.<br \/>\nWir bekommen nie wieder ein Freibad, weil das Landschaftsschutzgebiet ist. Es war so ein ideales Gel\u00e4nde. Ich habe mich deswegen daf\u00fcr engagiert, weil ich damals zu DDR-Zeiten bei der Projektierung mitgemacht habe, als freiwillige T\u00e4tigkeit bei der Stadt. Es gab damals einen Wettbewerb zwischen Borna und Pegau. Pegau wollte zur gleichen Zeit ein Freibad. Auch das Freibad ist in einem Landschaftsschutzgebiet. Die haben aus dem Freibad etwas gemacht. Es ist ein Musterst\u00fcck. Borna hat nichts gemacht, weil er keine Lust hatte. Schr\u00f6der wollte es weg haben. Dann wurde es weggerissen. Heute wird es renaturiert. Er war der B\u00fcrgermeister vor Luedtke. Sie hat zwei Perioden und er eine gemacht. Sie hat ihn abgel\u00f6st. Es war immer ein Kampf. Er war einfach nur gegen sie.<\/p>\n<p>SANDRA: Das habe ich mich oft gefragt. Wenn ich so auf den Stadtrat gucke, ist es oft so ein pers\u00f6nliches Ding. Pers\u00f6nliche Streitereien, aus denen man nicht nachgibt. Das Interesse der Stadt Borna steht nicht im Vordergrund.<\/p>\n<p>KLAUS: Normalerweise sollte die Stadt Borna im Vordergrund stehen und pers\u00f6nliche Interessen sollten aus dem Spiel herausgelassen werden. Frau Luedtke war eine von den Linken als Oberb\u00fcrgermeisterin und die B\u00fcrgerlichen haben sich zusammengetan. In Torgau war es auch so. Die CDU-B\u00fcrgermeisterin wurde von einem abgel\u00f6st, der gar kein Parteibuch hat. Es geht dann nicht um Parteien, sondern um Personen bei der Wahl.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151356839{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Wie ist ihr Bild in der Erinnerung von Borna 1937 als Sie hergezogen sind im Gegensatz zu heute?<\/p>\n<p>KLAUS: 1937 ging das noch. Wir sind hergezogen, da war im n\u00e4chsten Jahr ein gro\u00dfes Heimatfest. Da wurde 750 Jahre Borna gefeiert. Das war ganz gro\u00df. Da waren Massen an Menschen. Das dreckige Borna ist erst nach dem Krieg entstanden. Wo die Braunkohle auf Krawall fahren mussten, da kam der Dreck raus. Da war es hier derma\u00dfen dreckig. Zwei Kilometer von hier war die Braunkohlebrikettfabrik. Der Wind hat den Kohlestaub hierher geweht. Der Teich in Borna war braun. Es wurde so viel Dreck aufgewirbelt von den Maschinen. Die Entstaubung wurde vernachl\u00e4ssigt. Es wurde nicht gebaut und nicht instandgesetzt. Es war richtig schlimm. Ein richtiges \u201eSchei\u00dfnest\u201c. Da ist wirklich aus Borna viel gemacht worden inzwischen. Es wurde viel investiert. Das hat sich wirklich gelohnt. Es gibt jetzt genug B\u00fcrger, die hierhin ziehen wollen. Jetzt durch das Neubaugebiet am Lerchenberg. Es war jetzt schon so, dass man keinen Platz mehr f\u00fcr Kinder hatte. Daf\u00fcr m\u00fcssen erst die Voraussetzungen geschaffen werden, damit alle den Wohlstand mit genie\u00dfen k\u00f6nnen. Es gab keine M\u00f6glichkeit, das zu bremsen.<\/p>\n<p>SANDRA: Es ist auf alle F\u00e4lle eine sehr lebenswerte Stadt geworden.<\/p>\n<p>KLAUS: Ja, ist es geworden. War es erst nicht. Es war ein Drecknest. Es hie\u00df offiziell Dreckborna.<\/p>\n<p>Als die Russen noch hier waren, hatten sie die Kasernen besetzt. Es gab Stra\u00dfen, da wohnten nur Russen und deren Offiziere drin. Da wurden in den 50er Jahren Bretter vorgemacht, gr\u00fcn angestrichen und davor stand dann ein Wachposten. Die Soldaten durften nicht raus, nur Offiziere durften das. Ich habe gesehen, wie Offiziere manchmal im Freigang tanzen waren. Als die Unteroffiziere betrunken waren, wurden sie vom \u00dcberfallkommando mit Latten verdroschen.<\/p>\n<p>SANDRA: Mein Vater ist in der Kasernenstra\u00dfe gro\u00df geworden. Der ist manchmal als kleiner Junge \u00fcber die Z\u00e4une geklettert und hat gesagt, dass damals schon die Versorgung der Soldaten sehr schlecht war. Die haben nur Kohlsuppe bekommen. Dem normalen Soldaten, der da stationiert war, ging es nicht gut.<\/p>\n<p>KLAUS: Ja, dem ging es nicht gut. Die durften nicht raus. Im gro\u00dfen Saal gab es damals Filmvorf\u00fchrungen, da kamen die durch die Stadt marschiert. Einer mit einer roten Fahne vorweg. Die H\u00e4user gegen\u00fcber von der Kaserne waren frei. In die Kaserne konnte keiner raus oder rein. Bei Bekannten, bei dem Bekleidungsladen neben dem Hotel \u201eDrei Rosen\u201c, wo jetzt die Spielothek drin ist. Das Gesch\u00e4ft gab es schon lange aus Familientradition. [\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151373002{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]Die Russen, die es sich leisten konnten, haben sich dort manchmal die Uniformen machen lassen. Der Besitzer konnte irgendwann nicht mehr ins Haus, weil alles abgesperrt wurde und er musste \u00fcber den Hof vom Hotel \u201eDrei Rosen\u201c rein. Die Wettinstra\u00dfe war auch gesperrt. Da wohnten nur Offiziere. Damals waren dort \u00fcberall Tore. Die haben versucht, alles abzusperren, damit es keinen Kontakt zur Bev\u00f6lkerung gibt. Der durfte auf keinen Fall entstehen.<\/p>\n<p>SANDRA: Es gab ja auch Gastarbeiter in der DDR. Zum Beispiel auch in Espenhain im Werk, da gab es auch keinen Kontakt. Haben Sie da eine Geschichte dazu?<\/p>\n<p>KLAUS: Die wohnten meistens in Baracken. In Kitzscher gab es ein Barackenlager, da waren die, die in B\u00f6hlen besch\u00e4ftigt waren. Da gab es sehr wenig Kontakt. Es sollte auch keinen geben. Es h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit bestanden, dass man Klamotten tauscht und einen Ausweis von jemand anderem kriegt. Wir durften nicht weg hier.<br \/>\nDu warst auch hier in der DDR eingesperrt. Meine Mutter wollte mal in den Westen reisen. Ich, als Angestellter beim Staat, durfte gar nicht erst den Antrag auf West-Reise stellen. Wir mussten monatlich angeben, mit wem wir brieflichen Kontakt hatten. Da musste man immer einen Bogen ausf\u00fcllen. Einmal im Jahr wurde ein Kadergespr\u00e4ch gef\u00fchrt. Wie du dich verh\u00e4ltst, wie deine Arbeitsmoral ist und ob du Schwierigkeiten hast. Das wurde alles mit dir besprochen. Ich war ja nicht in der Partei, das war auch ein Problem. Ich hatte mich dagegen gewehrt und habe es durchgesetzt. Ich war bewusst gegen den Staat, nicht als Staat an sich, sondern gegen die politischen Entscheidungen.<\/p>\n<p>SANDRA: Es ist ja auch eine krasse Leistung, dass Sie es auch auf das Gymnasium geschafft haben. War es damals Standard, dass viele auf das Gymnasium gegangen sind?<\/p>\n<p>KLAUS: Ich war schon vor Kriegsende auf dem Gymnasium. Da gab es keine Ausscheidung. Meinen Bruder wollten sie nicht reinlassen. Da hat meine Mutter so lange Briefe an die Regierung geschrieben und geschimpft, bis er es auch durfte. Er hat Abitur gemacht und ist dann sp\u00e4ter, als er keinen Studienplatz bekommen hat, in den Westen abgehauen und hat da studiert. Der war dann weg. Das war noch vor dem 13. August 1961, bevor die Mauer stand. Da konnte man noch illegal \u00fcber die Grenze fahren. Ich bin damals auch einmal in West-Berlin gewesen und habe Schuhe gekauft.<\/p>\n<p>FRIEDER: Die Br\u00fcder von meinem Gro\u00dfvater haben auch keine Studienpl\u00e4tze bekommen und sind Ende der 1950er nach West-Berlin, von da aus mit dem Flieger nach M\u00fcnchen und sind dann da geblieben. Einer zumindest.<\/p>\n<p>KLAUS: Ich war hier und habe die Stellung gehalten.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151396784{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Hatten sie Kontakt mit ihrem Bruder?<\/p>\n<p>KLAUS: Ja, hatte ich. Das musste ich aber auch angeben. Ich habe nat\u00fcrlich nicht alles angegeben, habe auch manchmal getrickst. 1987 hatte eine Verwandte von uns einen runden Geburtstag. Da hat meine Frau einen Antrag auf Besuchsreise gestellt. Sie hat damals im Gesundheitswesen gearbeitet und ihr wurde der Antrag abgelehnt. Sie hat sich nicht beunruhigen lassen und hat Krach gemacht. Es wurde versucht ihr zu unterstellen, dass es keine echte Verwandte war. Es ging dann aber trotzdem. Der stellvertretende Leiter von unserer Abteilung beim Ministerium f\u00fcr Bauwesen in Leipzig, der auch die Kadergespr\u00e4che mit uns f\u00fchren musste, bekam auf einmal eine West-Reise. Der kam nie wieder zur\u00fcck davon.<\/p>\n<p>FRIEDER: Wie war das mit der Arbeitslosigkeit nach der Wende? Sie waren ja im Stadtrat und haben das da mitbekommen.<\/p>\n<p>KLAUS: Wir wussten, dass die Arbeitslosigkeit gro\u00df war. Einer von den Linken, der im Stadtrat war, war auch arbeitslos. Die haben aber auch alle Arbeit bekommen. Ich muss ehrlich sagen, wer wollte, hat Arbeit gekriegt. Ich muss auch heute sagen, die Hartz-4-Empf\u00e4nger, da sind viele zu faul zum Arbeiten. Es gibt \u00fcberall Arbeit und du kannst dich \u00fcberall ausbilden lassen. Du musst nicht darauf hoffen, dass der Staat dir das Geld bezahlt. Du musst dich dahin wenden und aufstehen und dir Arbeit suchen. Wenn du das nicht gelernt hast, dann warst du raus. Vielleicht ist es schwer da wieder rein zu kommen. Normalerweise bist du halt in dem Trott drinnen, stehst fr\u00fch auf und gehst zur Arbeit. Fr\u00fcher war das aber auch einfacher, weil \u00fcberall Busse hinfuhren. Es gab Schichtbusse, die dich zur Arbeit und zur\u00fcck nachhause brachten. Es hatte niemand ein Auto, wenn dann ein Fahrrad oder ein Motorrad.<\/p>\n<p>Heutzutage braucht man ein Fahrzeug. Auf die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel kannst du dich nicht verlassen. Letztens hatte ein Zug von D\u00fcsseldorf nach Erfurt drei Stunden Versp\u00e4tung. Es ist bekannt, dass die Bahn nie p\u00fcnktlich ist.<\/p>\n<p>FRIEDER: Haben Sie einen Lieblingsort in Borna?<\/p>\n<p>CHRISTEL: Das ist eigentlich der Stadtrat. Da l\u00e4sst er keinen aus.<\/p>\n<p>KLAUS: Ich bin immer der einzige Zuh\u00f6rer. Ich bin der erste Stellvertreter der letzten Kommunalwahl gewesen. Ich mache aus Interesse noch ein bisschen mit.<br \/>\nAus der SPD bin ich ja ausgetreten. Ich bin jetzt als Ansto\u00dfer da und habe so mein Thema, das ich ansprechen will. Das betrifft den Skatepark, den man bauen wollte am Bockwitzer See.<\/p>\n<p>SANDRA: Der Surfpark?[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151411787{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]KLAUS: Der Surfpark mit Skaterpark. Alles beides. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bei den heutigen Preisen noch machbar ist. Die Anlage, die gebaut wird, wo Leute durch das Wasser gezogen werden, das braucht gro\u00dfe Motoren. Man braucht viel Energie, um die Anlage zu bauen. Vor zwei Jahren, als ich gerade im Stadtrat aufgeh\u00f6rt habe, kam das Thema auf. Damals hie\u00df es schon, dass sich B\u00fcrger kostenm\u00e4\u00dfig beteiligen k\u00f6nnen. Sie wussten nicht, wo sie das Geld herbekommen sollten. Das ist bestimmt nicht billig. 2020 hatten die die Kosten von 18 Millionen vorgestellt.<\/p>\n<p>FRIEDER: Was wir so in den Interviews viel geh\u00f6rt haben war, dass f\u00fcr die Jugend Angebote fehlen.<\/p>\n<p>KLAUS: Zu unseren Zeiten gab es drei S\u00e4le, wo man am Wochenende tanzen gehen konnte. Wir haben immer versucht mit Leitern einzusteigen, wenn wir kein Geld hatten. Da war viel los am Wochenende. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt auch kein richtiges Kino in Borna.<\/p>\n<p>FRIEDER: Woran liegt es, dass es so wenig gibt, aus Stadtratssicht?<\/p>\n<p>KLAUS: Da kann ich nichts zu sagen. Man m\u00fcsste es unterst\u00fctzen, wenn Angebote k\u00e4men, die etwas f\u00fcr Jugendliche machen wollten. Sodass sie nicht dorthin fahren m\u00fcssen, wo etwas los ist, wie nach Leipzig.<\/p>\n<p>CHRISTEL: Es ist aber auch kostspielig. Als Jugendlicher hat man ja nicht so viel Geld. Leipzig ist ja schon auch weit, wenn man Vergn\u00fcgen sucht. Das kann man ab und an mal machen, aber nicht regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>KLAUS: Wir fahren auch manchmal ins Gewandhaus oder in die Oper. Wir gehen auch hier ins Konzert, wenn die s\u00e4chsische Philharmonie spielt.<\/p>\n<p>CHRISTEL: Das ist auch ein Trauerspiel mit dem Konzert. Kein Publikum. Die, die immer gekommen sind, sind mittlerweile verstorben.<\/p>\n<p>KLAUS: Das ist der Generationenwechsel. Die n\u00e4chste Generation hat andere Interessen. Die wollen diese Musik nicht.<\/p>\n<p>CHRISTEL: Die k\u00f6nnen mit dieser Musik nichts anfangen.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][vc_column_text el_class=&#8221;vier-spalten-blocksatz&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151431482{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]SANDRA: Wir als Bon Courage haben auch die Erfahrung gemacht, dass wenn wir Angebote machen, es aber keine kostenlose Roster und Bier gibt, dann kommt keiner. Das ist ganz schwierig in Borna um Leute herauszulocken. Ich habe manchmal das Gef\u00fchl, dass Borna sehr tr\u00e4ge ist.<\/p>\n<p>CHRISTEL: Das h\u00e4ngt vielleicht noch mit der Braunkohle zusammen.<\/p>\n<p>KLAUS: Wir sagen immer, die Schachtschei\u00dfer.<\/p>\n<p>CHRISTEL: Das waren alles Leute, die vorher nie an so etwas herangef\u00fchrt worden sind. In der Braunkohle waren meistens nicht so hochgebildete Leute.<\/p>\n<p>KLAUS: Die Konzerte gab es aber fr\u00fcher zu DDR-Zeiten auch schon.<\/p>\n<p>FRIEDER: Waren da die S\u00e4le voll?<\/p>\n<p>CHRISTEL: Nein, aber in DDR-Zeiten gab es mehr Besuch.<\/p>\n<p>SANDRA: Es gab auch weniger Alternativen. Heute gibt es ja Internet oder Onlinefilme. Man muss nicht mehr vor die T\u00fcr gehen.<\/p>\n<p>KLAUS: Ich kann mich erinnern, dass es fr\u00fcher auf dem Volksplatz manchmal Konzertveranstaltungen gab. Da war es so voll, dass man auf den Treppen sitzen musste. Das ist aber lange her. Selbst zu Kriegszeiten spielte die SS Marschmusik. Da war der Platz voll.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/mk_page_section][vc_row][vc_column][vc_column_text css=&#8221;.vc_custom_1643311707101{margin-top: 80px !important;margin-bottom: 0px !important;}&#8221;]\n<h4><a href=\"https:\/\/unofficial.pictures\/geboren-gekommen-geblieben\/\">Portr\u00e4ts einer diversen Stadt: \u201egeboren, gekommen, geblieben\u201c<\/a><\/h4>\n[\/vc_column_text][mk_padding_divider][\/vc_column][\/vc_row]\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in Deutsch.[mk_page_section padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;200&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_column_text align=&#8221;right&#8221; css=&#8221;.vc_custom_1665151181916{margin-bottom: 0px !important;}&#8221;] Klaus Sachse Klaus Sachse, geboren 1932, ist Rentner und war von 1990 bis 2019 im Stadtrat [\/vc_column_text][vc_btn title=&#8221;zur\u00fcck zur \u00dcbersicht&#8221; style=&#8221;classic&#8221; shape=&#8221;square&#8221; color=&#8221;default&#8221; align=&#8221;right&#8221; link=&#8221;url:https%3A%2F%2Funofficial.pictures%2Fgeboren-gekommen-geblieben%2F|title:%5B%3Ade%5DPortraits%20einer%20diversen%20Stadt%3A%20%E2%80%9Egeboren%2C%20gekommen%2C%20geblieben%E2%80%9C%5B%3A%5D&#8221; el_class=&#8221;button-back-to-the-exhibition&#8221;][\/vc_column][vc_column width=&#8221;1\/2&#8243;][mk_padding_divider size=&#8221;100&#8243; visibility=&#8221;hidden-sm&#8221;][vc_single_image image=&#8221;2902&#8243; img_size=&#8221;400&#215;600&#8243; alignment=&#8221;right&#8221;][\/vc_column][\/mk_page_section][mk_page_section bg_color=&#8221;#85b2bc&#8221; full_width=&#8221;true&#8221; padding_top=&#8221;0&#8243; padding_bottom=&#8221;0&#8243; sidebar=&#8221;sidebar-1&#8243;][vc_column][mk_padding_divider [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":2639,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2901","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2901"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2901\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2904,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2901\/revisions\/2904"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unofficial.pictures\/tr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}